Vorwort

Auf dem Herzlberg in Jerusalem ist der Österreicher, Dr. Theodor Herzt begraben. Vor hundert Jahren hatte er in Wien die Idee eines jüdischen Staates in Palästina geprägt. In unmittelbarer Nähe liegt die Yad Vashem Gedenkstätte für die sechs Millionen jüdischen Opfer der Naziherrschaft in Europa.

Hier befindet sich die Allee der Gerechten mit den Bäumen und Namen der Gerechten der Völker Europas. In einer unmenschlichen Zeit bewahrten sie ihre Menschlichkeit mit der Rettung von Juden aus den Händen der nationalsozialistischen Massenmordmaschine. Auch 79 mutige österreichische Männer und Frauen riskierten ihre Freiheit, ihre Karriere und ihr Leben. In der Zeit des Nazi Schreckensregimes brachten sie verfolgte Juden in Sicherheit. In vielen Fällen mussten sie dafür einen hohen Preis bezahlen.

Dieses Buch ist eine Dokumentation über 79 stille und zumeist unbekannte Helden. Es soll die Heldentaten der österreichischen Öffentlichkeit und insbesondere der österreichischen Jugend nahe bringen, die diese Epoche nur vom Hörensagen kennt.

Diese österreichischen Helden waren Menschen verschiedener gesellschaftlicher Kreise - bekannte Persönlichkeiten, Ärzte, Akademiker, Schauspieler, Bürgermeister, Schriftsteller, Offiziere und Soldaten der Wehrmacht, Polizisten und einfache Bäuerinnen. Sie folgten dem Appell ihres Gewissens, ihrer menschlichen und christlichen Nächstenliebe.

79 ist zwar nur eine geringe Zahl von Gerechten, der millionenfache Massenmord lässt ihre Heldentaten überschatten und erblassen. Sie standen einer Gleichgültigkeit und Passivität der mitlaufenden und eingeschüchterten Massen in einem Regime gegenüber, das sich Völkermord, die Vernichtung des jüdischen Volkes, zum Ziel gesetzt hat.

Es ist anzunehmen, dass wegen ihrer geringen Anzahl bisher nicht viel über sie und über ihre Taten veröffentlicht worden ist. Die Holocaustliteratur beschäftigt sich fast durchwegs mit den Verbrechen und Verbrechern jener finsteren Epoche in der Geschichte der Menschheit. Man möge fragen: Was bedeutet schon eine Anzahl von 79 Männern und Frauen, die trotz aller Gefahren aus humanitären und religiösen Motiven ihr Leben aufs Spiel setzten und jüdische Menschen vor Deportation in Todeslager gerettet haben? Diese 79 Dossiers bezeugen, wieviel Willenskraft, Menschlichkeit, Mut und Opferbereitschaft in jener Zeit notwendig waren, um nicht von dem Strom der Gleichgültigkeit und des Hasses mitgerissen zu werden und Mensch zu bleiben.

Unter den 79 Gerechten finden wir solche, die nur einen einzigen Juden, die nur ein paar, die Dutzende und in manchen Fällen sogar hunderte Juden gerettet haben. Jüdische Weisen erklärten: Wer nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt. In diesem Sinn sind alle als gleichwertige Helden zu betrachten, als Kämpfer für ihr Gewissen, für ihre Selbstachtung und fair ihre menschliche Solidarität mit Verfolgten. Als Widerstandskämpfer, die sich nicht mit Diskriminierung, Unrecht, Rassenhaß, Gewalt und Massenmord abfinden können und sich mit ihren Taten gegen ein Schreckensregime auflehnen. Vier von ihnen, darunter eine bekannte Schauspielerin, mußten diese Auflehnung mit ihrem Leben bezahlen.

Und auch wenn es verhältnismäßig wenige gab, die einen solchen mutigen und riskanten Einsatz einem Beiseitestehen, Mitlaufen und stiller Resignation vorzogen, ist es unsere Pflicht, ihnen in Wort und Schrift ein ehrenvolles Denkmal zu setzen. Damit könnten solche Untaten vielleicht in Zukunft verhindert werden.

Der Ehrentitel "Gerechter der Völker" ist die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel an Nichtjuden verleiht. Er wird den Edlen der Völker verliehen, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um Juden zu retten. Es ist daher besonders genugtuend und ehrenvoll, daß 79 österreichische Männer und Frauen dieser Auszeichnung für würdig befunden wurden.

Mosche Meisels


Die Gerechten Österreichs
Eine Dokumentation der Menschlichkeit
von Mosche Meisels

Umschlaggestaltung von Arje Weiss (einer der Geretteten)
Herausgegeben von der Österreichischen Botschaft in Tel Aviv
1996, S. 5-6.