Sehr geehrter Herr Maislinger,

vielen Dank für Ihr Interesse am o.g. Thema.

Joseph Goebbels wurde in Rheydt - verständlicherweise - je nach
Zeitpunkt unterschiedlich gesehen. Nachdem er 1933 Minister geworden
war, ernannte die Stadt Gladbach-Rheydt (1929 aus den Städten
M.Gladbach, Rheydt und Odenkirchen gebildet) ihn zu ihrem Ehrenbürger.
Es wurde ihm ein begeisterter Empfang bereitet (zahlreiche Fotos
befinden sich in unseren Beständen). Höhepunkt des Besuches am 23. April
1933 war für die Rheydter die Bekanntgabe, die gerade in Rheydt
ungeliebte Städteehe mit M.Gladbach würde beendet, die Stadt
Gladbach-Rheydt aufgelöst. Dies wurde am 1. August 1933 vollzogen und
dürfte die ohnehin große Popularität von Hitlers Chefpropagandisten noch
gesteigert haben. 1934 erneuerte der Rat der Stadt Rheydt die
Ehrenbürgerschaft, da nicht eindeutig war, auf welche der beiden Städte
(M.Gladbach und Rheydt; Odenkirchen war ein Teil Rheydts geblieben) sie
übergegangen sei.
Anlässlich der Ehrenbürgerschaft wurde die Dahlener Straße am 1. April
1933, wo Goebbels Elternhaus stand (und bis heute steht), in
Josef-Goebbels-Straße umbenannt.

Goebbels fühlte sich persönlich getroffen, als Rheydt am 1. März 1945
von amerikanischen Truppen erobert wurde und plante
Vergeltungsmaßnahmen, wie seinen Tagebucheintragungen zwischen dem 6.
März und dem 31. März zu entnehmen ist.

Am 5. April 1945 wurde die Josef-Goebbels-Straße wieder in Dahlener
Straße zurück benannt (am gleichen Tag wurde aus dem
"Adolf-Hitler-Platz" der "Markt", aus der "Dr. Frick-Straße" wieder die
"Stresemannstraße", aus der "Horst-Wessel-Straße" die
"Friedrich-Wilhelm-Straße", aus dem "Platz der SA" der "Marien-Platz"
etc.)

Zur Beratung des von den Amerikanern eingesetzten kommissarischen
Oberbürgermeisters war ein Ausschuss der Vertrauensmänner ernannt
worden, der bis zur Wahl eines Stadtrates (erfolgt im Oktober 1946)
amtieren sollte. In der ersten Sitzung am 14. Juni 1945. Nach der
Bestätigung des Oberbürgermeisters befasste sich der Ausschuss in einem
ersten Tagesordnungspunkt mit Goebbels' Ehrenbürgerschaft. Im Protokoll
ist zu lesen: "Aus der Versammlung wurde beantragt, - dem sich dann alle
Anwesenden anschlossen, - das Ehrenbürgerrecht für Dr. Josef (sic!)
Goebbels, Propaganda-Minister im Dritten Reich, für null und nichtig zu
erklären. Dementsprechend wurde einstimmig beschlossen: Es soll der Name
Dr. Josef Goebbels als Ehrenbürger der Stadt Rheydt in allen Urkunden
und Akten der Stadt gestrichen werden."

Am 12. Dezember 1984 lag dem Rat der Stadt Mönchengladbach ein Antrag
der SPD-Fraktion vor, wonach der Rat sich von der Verleihung des
Ehrenbürgerrechtes an Goebbels 1933 und 1934 distanzieren sollte. Der
Antrag wurde angenommen. Zu diesem Thema gab es nochmals in der Sitzung
am 24. Januar 1985 eine Anfrage.

Natürlich ist Goebbels immer wieder ein Thema im Rahmen der
Stadtgeschichte. So wird ihm ein eigener Abschnitt gewidmet im demnächst
erscheinenden 3. Band von "Loca Desiderata. Mönchengladbacher
Stadtgeschichte", hg. v. Wolfgang Löhr. Auch befassen sich immer wieder
Schüler mit Goebbels im Rahmen der Facharbeiten in Klasse 12, die in
Nordrhein-Westfalen seit zwei Jahren vorgesehen sind.

Das Stadtarchiv Mönchengladbach gibt seit Anfang 2002 die Vitus-Post
heraus, eine Handreichung für Geschichtslehrer mit Texten und
Abbildungen zur Stadtgeschichte. Die zweite Ausgabe im März 2002 hatte
das Thema "Joseph Goebbels und Rheydt". Das Interesse war überwältigend,
nicht nur an den Schulen, sondern auch darüber hinaus bei vielen
Bürgern. Selbst die Medien berichteten (bis hin zum landesweit
ausstrahlenden WDR). Sie können sich die Vitus-Post im Internet ansehen
bzw. herunterladen:
http://www.moenchengladbach.de/kultur_bildung/index.htm
Darin finden Sie auch die Protokolle der Ratssitzungen von 1984 und
1985.

Das Elternhaus (nicht Geburtshaus!) Goebbels' in der Dahlener Straße ist
nicht besonders gekennzeichnet, aber natürlich für Eingeweihte leicht zu
finden. In die bisher erschienen zwei Bänden "Mönchengladbacher Köpfe"
wurde Goebbels nicht aufgenommen.

Derzeit feiert das Hugo-Junkers-Gymnasium in Rheydt sein 175-jähriges
Jubiläum. Diese Schule hatte auch Goebbels besucht und dort 1917 die
Abiturrede gehalten. Man verschweigt ihn dort nicht, stellt ihn aber
auch nicht in den Mittelpunkt des Interesses. Ob bewusst oder unbewusst
wurde vor einigen Tagen ein interessanter Gegensatz markiert, indem der
Zeitzeuge Walter Salmon, seinerzeit letzter Schüler jüdischen Glaubens
am Rheydter Gymnasium, von seinen Erlebnissen berichtete. Sie können den
Zeitungsartikel dazu nachlesen unter
http://www.rp-online.de/news/lokales/moenchengladbach/2002-1126/M2500000
07_32902.html

Im Stadtarchiv Mönchengladbach wird die Auffassung vertreten, dass die
Stadt sich ihrer Vergangenheit zu stellen hat. Dazu gehört natürlich
auch der Ehrenbürger Joseph Goebbels. Im (nichtöffentlichen) Magazin
hängen die Porträts der Ehrenbürger, unter ihnen Goebbels. Allerdings -
ein Hinweis auf die Entscheidung von 1945 - hängt er mit dem Gesicht zur
Wand. Bei der Internetpräsentation (Adresse wie Vitus-Post) ist das
Porträt durchgestrichen, um die Distanzierung der Stadt von diesem
Ehrenbürger deutlich zu machen.

Sehr gut wird die Kindheit und Jugend Goebbels' dargestellt in der
Biographie von Ralph Georg Reuth, die 1990 erstmals erschien. Reuth hat
u.a. im Stadtarchiv Mönchengladbach geforscht und nach Abschluss der
Arbeit sein Material uns überlassen. So besitzen wir im Bestand 15,
Sammlungen und Nachlässe, eine umfangreiche Goebbels-Sammlung.

Weitere Literatur:
Hütter, Hans Walter: Mönchengladbach. 11 Gemeinden bilden eine Stadt.
Kommunale Neuordnungen im 19. und 20. Jahrhundert. Mönchengladbach 1984
(zur Städtetrennung 1933 siehe S. 182ff.) Erckens, Günter: Rheydt wie es
war. Düsseldorf 1978 (S. 38ff. mit diversen Fotos) demnächst (Frühjahr
2003) erscheint: Loca desiderata. Mönchengladbacher Stadtgeschichte 3/1,
hg. v. Wolfgang Löhr. darin: Christoph Waldecker, Rheydt 1815-1974, mit
einem eigenen Kapitel zu Goebbels.

Gerne könne wir uns über das Thema telefonisch unterhalten. Sie
erreichen mich unter 0049-2161-253250 (bis ca. 16.30 Uhr).

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Christoph Waldecker
-Stadtarchiv Mönchengladbach-

Mönchengladbach, 27. November 2002