Kolumnen "Zur Lage" von Andreas Maislinger in der Jüdischen Rundschau
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1992
13. Februar Gedenkdienstpflicht
21. Mai Braunau am Inn
27. August Entschuldigung
16. Oktober "Vergangenheitsbewältigung"
26. November Oswiecim

1993
21. Januar Mutarbeit
18. März Menschen
25. Mai Franz Jägerstätter
12. August Anne Frank

1994
23. Februar Gerechte
21. April PC
30. Juni Mut
7. Juli Jörg Haider
8. Dezember Unterrichtssprache

1995
2. März Leben!
22. Juni Shoabusiness

1996
18. Januar Mahnmale
11. April Jeremias

Nicht eingeordnet
Kein Datum Gedenkdienst


Jüdische Rundschau, 13.2.1992
Gedenkdienstpflicht
von Andreas Maislinger

"Haft für `Gaubeauftragten für Oberösterreich und Salzburg`", so schrieben die österreichischen Tageszeitungen am 11. Februar 1992. Fast täglich fanden sich während der letzten Wochen derartige Sensationsmeldungen in den österreichischen Medien. Die Aktivitäten der österreichischen Neo-Nationalsozialisten werden von den Journalisten genau registriert. Diese Berichterstattung muß beim weniger informierten (besonders ausländischen) Leser den Eindruck erwecken, als ob in Österreich die Gefahr einer nationalsozialistischen Machtergreifung vorhanden wäre oder die österreichische Staatspolizei besondere Erfolge beim Aufspüren dieser verschwörerischen Aktivitäten zu verbuchen hätte.

Als langjähriger Beobachter der rechtsextremen Szene in Österreich war ich über diese "Enthüllungen" nicht überrascht. Bemerkenswert finde ich hingegen, daß sowohl unsere zuständigen Politiker als auch die Journalisten über die neue Möglichkeit der Pflichterfüllung in ausländischen Holocaust-Gedenkstätten nicht berichtet haben. Nur in der "Tiroler Tageszeitung" fand sich vor einigen Tagen eine kleine Notiz. In der letzten Sitzung vor Weihnachten beschloß der Österreichische Nationalrat eine Ver- fassungsbestimmung, welche wehrpflichtigen Österreichern bis zum 28. Lebensjahr die Ableistung einer alternativen Gedenkdienstpflicht erlaubt. Im Paragraph 12 b des Zivildienstgesetzes heißt es, daß jene Zivildienstpflichtigen zur Ableistung des Zivildienstes nicht mehr herangezogen werden, welche sich für einen "durchgehend mindestens zwölf Monate dauernden Dienst im Ausland verpflichtet haben". Dieser Dienst muß unentgeltlich sein und "die Lösung internationaler Probleme sozialer oder humanitärer Art zum Ziel haben." Dazu ist den Schweizer Lesern zu erklären, daß sich die österreichische Neutralität und Verteidigungspolitik stark an das Schweizer Vorbild angelehnt hat. 1975 ist Österreich jedoch mit der Einführung eines Zivildienstes von diesem Vorbild erstmals deutlich abgewichen.

Diese Verfassungsbestimmung geht auf die Forderung zurück, den Zivildienst auch in ausländischen Holocaust-Gedenkstätten ab- leisten zu dürfen. Schon aus Gründen der Glaubwürdigkeit habe ich immer verlangt, daß dieser Dienst 12 anstatt der für den Wehr- und Zivildienst üblichen 8 Monate dauert. Diese Forderung habe ich aus der Schweiz übernommen, wo die Zivildienstbefürworter von einem "Tatbeweis" sprechen. Außerdem erscheint eine Mitarbeit in der Anne Frank-Stiftung in Amsterdam, dem Museum Auschwitz-Birkenau in Polen und der Gedenkstätte YAD VASHEM in Jerusalem nur sinnvoll, wenn sie mindestens ein Jahr dauert. In Anlehnung an die 1955 eingeführte Wehrpflicht und die, wie erwähnt, seit 1975 mögliche alternative Zivildienstpflicht spreche ich bei der seit 1992 möglichen Verpflichtung, in einer der drei ausländischen Holocaust-Gedenkstätten mitzuarbeiten, von der Ableistung einer Gedenkdienstpflicht.

Obwohl die Republik Österreich gerade in den letzten Wochen von ausländischen (besonders französischen) Medien immer wieder scharf angegriffen worden ist, kam der Innen- oder Außenminister nicht auf die Idee, dieses neue Zeichen der Bereitschaft, sich der Vergangenheit zu stellen, bekannt zu machen. Nach der Erklärung des Bundeskanzlers, wonach sich auch Österreicher an der Shoa beteiligt haben und die Republik Österreich dafür auch eine Verantwortung trägt, ist dieser Gedenkdienst ein erster Schritt, dieses verbale Bekenntnis durch konkrete Taten nach außen zu dokumentieren. Denn verbale Bekenntnisse dieser Art haben wir während der letzten beiden Jahre auch aus der DDR, Polen, Litauen, der Ukraine und anderen ehemaligen kommunistischen Staaten gehört. Konkrete Schritte, welche dieses Bekenntnis auch sichtbar machen würden, folgten meist nicht. So auch in Österreich. Außer eben der gesetzlichen Regelung für den Gedenkdienst junger Österreicher.

Neben der symbolischen Bedeutung der Mitarbeit von Österreichern in den erwähnten Holocaust-Gedenkstätten geht es mir vor allem darum, wenigsten einigen jungen Menschen eine Erfahrung zu er- möglichen, welche für mein Leben von zentraler Bedeutung war. 1977 erfuhr ich von der Möglichkeit, im Rahmen der westdeutschen "Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste" in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau mitzuarbeiten. Da es damals für Westdeutsche bereits möglich war, diese freiwillige Mitarbeit als Zivildienst angerechnet zu bekommen, stellte ich gegenüber dem österreichischen Innenministerium die gleiche Forderung. Trotz gewisser Sympathien für meine Absicht gab man mir doch klar zu verstehen, daß die gesetzliche Regelung für einen derartigen Zivildienst im Ausland nicht vorhanden ist und außerdem ein Österreicher in Auschwitz nichts zu sühnen habe. In diesem Sinn war auch die Antwort des damaligen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger. Heute wird das von unserer Regierung anders ge- sehen: Österreicher waren Opfer und Täter. Die Republik Österreich hat zwar von 1938 bis 1945 nicht existiert, empfindet aber auch eine Mitverantwortung für die während dieser Zeit von Österreichern begangenen Verbrechen. Einem Gedenkdienst im Sinne der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste steht also nichts mehr im Wege.

Natürlich bin ich mir bewußt, daß ich ein großes Wort verwende, aber diese Monate im Museum Auschwitz-Birkenau haben mein weiteres Leben bestimmt. Ich wollte mich daher von keinen Ein- wänden abhalten lassen und habe die Forderung nach Veränderung des österreichischen Zivildienstgesetzes immer wieder gestellt. Jetzt, da es gelungen ist, geht es darum, gemeinsam mit Andreas Hörtnagl, dem Bürgermeister der Tiroler Gemeinde Gries am Brenner, und dem Abgeordneten zum Nationalrat Walter Guggenberger den vom Gesetz vorgesehen Trägerverein zu gründen und das erste Informations- und Vorbereitungsseminar zu planen. Wenn sich die Medien nicht weiter nur auf die vermeintlichen Sensationen der Ewiggestrigen konzentrieren, sondern mir helfen, diesen Gedenkdienst bekannt zu machen, zweifle ich nicht daran, daß sich eine große Zahl junger Österreicher findet, welche sich zu diesem öffentlichen Gedenken an die nationalsozialistischen Verbrechen verpflichten wollen.



Jüdische Rundschau, 21.5.1992
Braunau am Inn
von Andreas Maislinger

Eine berechtigte Frage: Was soll um Himmels willen in einer jüdischen Zeitung ein Kommentar über eine oberösterreichische Kleinstadt? Die Frage ist natürlich müßig. Es geht in diesem Kommentar nicht um einen Ort mit einer 8oojährigen Geschichte und augenblicklich etwa 17.000 Einwohnern, sondern es geht um den Ort, zu dessen Stichwort in der Brockhaus Enzyklopädie nach 16 Zeilen allgemeiner Information lapidar hinzugefügt wird: "In B. wurde A. HITLER geboren."

Obwohl Hitler in "Mein Kampf" von einer "glücklichen Bestimmung" schreibt, "daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies", hat er dieser Stadt keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Auf seiner triumphalen Reise nach Wien fuhr er zwar im März 1938 durch Braunau, fand es jedoch nicht der Mühe wert, bei seinem Geburtshaus zu halten. Braunau hatte keine Bedeutung für Hitler, und außer durch eine Ansichtskarte "Die Geburtsstadt des Führers" und das festlich geschmückte Haus in der Salzburger Vorstadt unterschied sich dieses Provinzstädtchen nicht von hunderten anderen ähnlichen Orten in Großdeutschland.

Doch es war nicht anders zu erwarten, jedes Jahr am 20. April begann sich schon bald nach der Befreiung vom Nationalsozia- lismus ein Häufchen Ewiggestriger vor "dem Haus" zu versammeln. Dazu kamen einige wenige kleine Geschäftsleute, welche von dieser "Attraktion" ein bißchen verdienen wollten. Alles geschah ver- stohlen und ohne Aufwand, um so interessanter für die Jour- nalisten von der Boulevard- und Regenbogenpresse, aber auch der seriösen Schweizer WELTWOCHE. Unschwer konnte man an diesem Tag wenigstens einen Braunauer finden, der aus Dummheit oder tat- sächlicher Überzeugung irgend etwas vom "großen Sohn der Stadt" daherredete. War keiner dieser notorischen Dummköpfe zur Hand, wurde einfach erfunden. Die braune Geschichte mußte abgeliefert, das Klischee bestätigt werden.

So ging es bis zum Jahr 1989. Behutsam und doch bestimmend be- gannen sich die Einwohner, allen voran der Bürgermeister, gegen diese Vereinnahmung zur Wehr zu setzen. Vor dem Geburtshaus wurde ein Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus errichtet und allen Interessenten an der Feier des runden Geburtstags zu verstehen gegeben, daß sie in Braunau nichts verloren haben. Die Enttäuschung bei den sensationshungrigen Journalisten war so groß, daß sie seitdem darauf verzichten, nach Braunau zu fahren. Damit will sich die Stadt Braunau jedoch nicht zufrieden geben. Es geht nicht nur um ein Stillhalteabkommen, im Gegenteil, mit der Ankündigung der 1. Braunauer Zeitgeschichtstage stellt sich die Kleinstadt ganz bewußt ihrem "unerwünschten Erbe".

"Unerwünschtes Erbe" ist auch der Titel der ersten, vom 25. bis 27. September 1992 stattfindenen Zeitgeschichtstage. Ausgangs- punkt ist die Frage, wie andere Orte mit ihrer historischen Be- lastung umgehen. Nicht zufällig sind es auch Kleinstädte wie Bautzen, Bergen-Belsen, Dachau, Gurs oder Kielce, die einem ein- fallen. Im Gegensatz etwa zu Nürnberg bleiben diesen Orten keine Lebkuchen und kein weitbekannter Christlkindlmarkt, um einen Ausgleich für den schlechten Ruf zu haben, welcher durch Verbrechen mit dem Ort verbunden ist. Erst kürzlich hat der Oberbürgermeister von Dachau wieder verzweifelt versucht, dem polnischen Präsidenten auch die Künstlerstadt Dachau zu zeigen. Lech Walesa wollte in Dachau jedoch nur das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers besuchen. Nur das ist für ihn und alle anderen Dachau. Ein "Glück" für Weimar, daß das Konzentrationslager Buchenwald genannt wurde.

Es hilft den Orten nicht weiter, wenn von außen nur mit Kritik, oft sogar mit Häme reagiert wird. Die zu den ersten Braunauer Zeitgeschichtstagen eingeladenen Bürgermeister der berücksichtigten Orte reagierten zuerst ähnlich ablehnend. Aber gleich wie bei einer Selbsthilfegruppe soll der Kontakt und das Gespräch zwischen Betroffenen dazu beitragen, diese Ab- wehrhaltung zurückzunehmen. Beim Kontakt mit Vertretern von Orten mit belastendem Namen hat sich immer mehr dieser Vergleich mit einer Selbsthilfegruppe aufgedrängt. Wer nicht darunter leidet, daß er zu viel ißt oder trinkt, wird meist eine einfache Antwort haben, die jedoch dem Dicken oder Alkoholiker nicht weiterhilft. Wer nicht erfahren hat, wie es ist, bei der Erwähnung seines Heimatortes sofort auf Hitler, das Konzentrationslager oder das "Gelbe Elend" (SED-Gefängnis in Bautzen) angesprochen zu werden, wird die Braunauer und Dachauer nicht verstehen. Und das bloße ständige Ermahnen, das KZ nicht zu verdrängen, klingt von einem, der keine Gedenkstätte in seinem Heimatort hat, auf die Dauer nicht glaubwürdig. Außerdem ist es für jeden Nicht-Dachauer beziehungsweise für jeden Bewohner eines Ortes, mit dem nicht ein Verbrechen assoziiert wird, eine bequeme Form, den anderen, nämlich denen mit dem unerwünschten Erbe, die Aufarbeitung der Vergangenheit nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich zu überlassen.

Ermutigend ist es, daß einige Orte die Zielsetzung des Treffens in Braunau begriffen haben und ihre Abwehrhaltung aufgeben. Be- sonders hervorzuheben ist dabei die polnische Stadt Kielce, welche sich bis vor kurzer Zeit nur äußerst ungern an das Pogrom des Jahres 1946 erinnern lassen wollte. Jetzt haben zwei Journalisten aus Kielce in ihren Zeitungen sachlich über die Berücksichtigung ihrer Heimatstadt berichtet. Sie scheinen erkannt zu haben, daß es nicht um einen Vergleich (oder gar eine Gleichsetzung) der Verbrechen von vor und nach 1945 geht, sondern um einen Erfahrungsaustausch und die gegenseitige Hilfe beim Um- gang mit seinem Erbe.

Für die Stadt Braunau wäre es am einfachsten, Hitlers Geburts- haus abreißen zu lassen. Eine kleine Umfrage unter Israelis hat ergeben, daß diese "Lösung" auf die größte Zustimmung stoßen würde. Dies würde allerdings, wie jede andere Maßnahme, falsch verstanden werden können. Was soll jedoch die Stadt Braunau nach dem Kauf des Geburtshauses machen? Soll in diesem Haus an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert werden? Oder soll sogar, in Anlehnung an die Verwendung der Wannsee-Villa, die Republik Österreich an diesem Ort ihre zentrale Holocaust- Forschungsstätte einrichten? In Wien existiert das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands. In Braunau könnte als Ergänzung ein Dokumentationsarchiv der österreichischen Beteiligung an den NS-Verbrechen errichtet werden.



Jüdische Rundschau, 27.8.1992
Entschuldigung
von Andreas Maislinger

"Kaiser Akihito könnte in Peking gedemütigt werden und gezwungen sein, sich für die damaligen Greueltaten zu entschuldigen", be- richtet die Süddeutsche Zeitung am 6. August. Für die japanische Führung ist es noch immer ein unerträglicher Gedanke, sich für den Massenmord an Chinesen klar zu entschuldigen. Ähnlich verhielt sich der französische Präsident zum Gedenken an die Deportationen der Juden aus Frankreich. Mit Vichy wollte Mitterand nichts zu tun haben, sich für die Verfolgung der Juden unter Petain auf keinen Fall entschuldigen. Im Mai mußte der polnische Präsident im Kreml erfahren, daß die neuen Herren gegenüber den Verbrechen von Katyn keine andere Einstellung haben. Nach Gorbatschow war auch Jelzin nicht bereit, sich für die Ermordung der polnischen Offiziere zu entschuldigen. Walesa mußte wie vor ihm Präsident Jaruzelski allein die Gedenkstätte von Katyn besuchen.

Warum diese Weigerungen, sich für Verbrechen der Vergangenheit zu entschuldigen? Es müßte sich doch unter den Staatsoberhäuptern herumgesprochen haben, daß diese öffentlich geäußerten Bekenntnisse eigener Schuld völlig unverbindlich bleiben. Es ist so einfach wie das "Entschuldigen Sie!" in der Straßenbahn, wenn Sie einem anderen aus Versehen auf die Füße getreten sind. Der Entschuldigung folgt meist wie von selbst das "Nichts passiert!", und die Sache hat sich. Es war nur ein unbeabsichtigter Fehler. Keiner würde auf die Idee kommen, daß mit einer derartigen Entschuldigung eine rechtliche Verpflichtung zu einer "Wiedergutmachung" verbunden sein könnte. Genau so ist es bei den seit der Wende in Osteuropa in Mode gekommenen Ent- schuldigungen.

Unmittelbar nach der ersten demokratischen Wahl hatte die Volks- kammer der DDR den Reigen der Entschuldigungen im ehemaligen Ost- block eröffnet. Mit dem Wissen, daß die bankrotte Noch-DDR ohne- hin keine "Wiedergutmachungsleistungen" erbringen kann, wurde ein Verhalten vorgegeben, an das sich andere ehemalige Ostblockländer und Sowjetrepubliken hielten, welche ebenfalls ein schlechtes Gewissen los werden wollten. Ein "Muster ohne Wert" war geprägt. Den Präsidenten Litauens, Polens und der Ukraine ging das "Entschuldigen Sie!" leicht von den Lippen. Erstaunlich bleibt, daß diese unverbindlichen Äußerungen von jüdischen Organisationen und Persönlichkeiten akzeptiert und sogar mit großer Dankbarkeit aufgenommen wurden. Das wundersamste Beispiel bietet dabei die Erklärung des österreichischen Bundeskanzlers vom 8. Juli 1991. Als ob die Republik Österreich ebenfalls zum unfreien Ostblock gehört hätte, erfolgte erst jetzt das Eingeständnis einer "moralischen Mitverantwortung" für die Shoa. Mehr als ein Jahr nach der DDR. Mit ähnlichen Geschichtskonstruktionen war es diesen beiden Staaten gelungen, sich aus der Geschichte herauszustehlen. Die DDR definierte sich mit der Sowjetunion als Sieger des Zweiten Weltkrieges, die Republik Österreich als Opfer des Nationalsozialismus. (Wohlgemerkt: Österreich war auch Opfer. Die Deutsche Wehrmacht ist völkerrechtswidrig im März 1938 in Österreich einmarschiert. Das hat der deutsche Bundespräsident von Weizsäcker bis jetzt noch nicht eingestanden.) Österreicher waren jedoch, bezogen auf den Bevölkerungsanteil im Dritten Reich, in einem großen Maß Täter. Wiesenthal hat 1966 in einem Memorandum darauf hingewiesen.

"Wir bekennen uns zu allen Daten unserer Geschichte und zu den Taten aller Teile unseres Volkes, zu den guten wie zu den bösen; und so wie wir die guten für uns in Anspruch nehmen, haben wir uns für die bösen zu entschuldigen - bei den Überlebenden und bei den Nachkommen der Toten." Bundeskanzler Vranitzky erklärt also, daß wir Österreicher uns "zu entschuldigen haben". Haben wir uns damit gegenüber dem jüdischen Volk entschuldigt? Vranitzky hat doch nur gesagt, daß wir es zu tun haben. Außerdem: Geht das überhaupt, kann eine Person, kann ein Volk sich selbst von seiner Schuld an einem Verbrechen lösen - sich ent-schuldigen? Wir haben bei den Überlebenden und bei den Nachkommen der Toten um eine Vergebung der Schuld zu bitten, und uns nicht bloß unverbindlich zu entschuldigen. Dies müßte sich doch bei einigermaßen logischem Denken ergeben. Logik ist jedoch auch anderen Bereichen der "Vergangenheitsbewältigung" fremd. Bereits der Begriff deutet es an: Vergangenes läßt sich nicht bewältigen. Bewältigen lassen sich nur Probleme der Gegenwart. Das immer wieder geäußerte Urteil, wonach die Vergangenheit falsch, unvollständig oder überhaupt nicht bewältigt worden ist, bleibt in jedem Fall unsinnig, weil sich Verbrechen nicht bewältigen lassen. Unsinnig ist daher auch der Begriff "Wiedergutmachung".

Dies alles mag nach Wortklauberei klingen. Mit diesen mehr- deutigen Begriffen läßt sich jedoch leicht eine mehrdeutige Politik betreiben. Jeder kann herauslesen, was er will. Durch diese Unverbindlichkeit lassen sich die Ansprüche von außen (Opfer) mit denen von innen (Täter) vereinbaren. Dies funktioniert nur, wenn alle Aussagen unbestimmt bleiben. Vranitzky spricht daher nicht von einer Verantwortung für den Mord an den europäischen Juden, sondern von einer "moralischen Mitverantwortung für diese Taten". Sollte dieser für "das Ausland" und "die Juden" bestimmte Text im eigenen Land kritisiert werden, bleiben Auswege offen. So ist die Heuchelei vorprogrammiert.

Eine Fülle von internationalen Organisationen und Konferenzen kümmert sich in Europa von Abrüstung bis Zollbestimmungen um alles, außer um eine Klärung der mit der Aufarbeitung der Verbrechen der Vergangenheit verwendeten Begriffe. Andere für die Beziehungen zwischen Staaten und Völkern wichtige Begriffe werden in oft tagelangen Sitzungen abgeklärt. Wann wird das erste KSZE-Büro für "Vergangenheitsbewältigung" eingerichtet? Wenn es möglich war, weltweite Standards für die Einhaltung der Menschenrechte auszuarbeiten, müßte es auch möglich sein, zumindest europaweite Standards für die Aufarbeitung von staatlich organisierten Verbrechen vorzugeben.

Dr. Andreas Maislinger, Politikwissenschaftler und Publizist in Innsbruck, leitet die Braunauer Zeitgeschichte-Tage und hat das Projekt GEDENKDIENST initiiert.



Jüdische Rundschau, 16.10.1992
"Vergangenheitsbewältigung"
von Andreas Maislinger

"Lehrstück der Vergangenheitsbewältigung", so ist der Bericht über den Konflikt an der Universität der Bundeswehr in München in der Süddeutschen Zeitung vom 12. Oktober überschrieben. Das Wortungetüm "Vergangenheitsbewältigung" scheint in den Zeitungen häufiger auf denn je, täglich wird "Vergangenheitsbewältigung" beschrieben oder verlangt. Doch was ist damit überhaupt gemeint? Was heißt "Vergangenheitsbewältigung"? Um es vorwegzunehmen, den Gang zum Bücherregal können Sie sich sparen, eine Definition werden sie nicht finden. Sogar das auf "Brisante Wörter" spezialisierte, über 700 Seiten umfassende "Lexikon zum öffentlichen Sprachgebrauch" des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim verzichtet darauf, diesen wirklich brisanten Begriff der deutschen Sprache auch nur zu erwähnen. Die englische Übersetzung des Begriffes "Vergangenheitsbewälti- gung" (in der Folge nur "VB") lautet: Coming to terms with the past. Es geht also nicht um ein Bewältigen, sondern um den Umgang mit den Verbrechen der Vergangenheit. Ansonsten müßte es "to manage" heißen. Managen bezieht sich jedoch immer auf Probleme der Gegenwart, was zum Beispiel durch "Crisis-Management" deutlich wird. Nur die Deutschen sind auf die Idee gekommen, die Vergangenheit zu managen, also zu bewältigen. In anderen mir be- kannten Sprachen wird "VB" mit Abrechnung (Polnisch), Aufdeckung (Russisch), Aussöhnung (Spanisch) oder Aufarbeiten (Tschechisch) übersetzt. "Vergangenheitsbewältigung" ist genauso eine Unmöglichkeit wie "Wiedergutmachung". Trotzdem gab es "Wiedergutmachungs"-Leistungen. Und dieses Wort wurde von jüdischer Seite akzeptiert. Als ob durch die (sicherlich umfangreichen) Zahlungen Deutschlands Leid wieder gut gemacht hätte werden können. Was fällt Ihnen dazu ein? Mir ist dazu eingefallen, daß Wiedergutmachen genauso wie Vergangenheit bewältigen zu wollen eine Anmaßung und/oder eine Überforderung darstellt. Während die einen abrechnen, aufarbeiten, versuchen damit umzugehen, verlangen die Deutschen von sich das Unmögliche. Das kann nur daneben gehen. Wer das Unmögliche fordert, setzt sich und die anderen der Gefahr aus, nichts zu erreichen. Oder sogar das Gegenteil zu bewirken. Leider scheint es jedoch keine Chance zu geben, den Begriff "VB" durch "Aufarbeitung der Vergangenheit" zu ersetzen. Das Wort bleibt der deutschen Sprache erhalten, die Anführungszeichen sollten jedoch zumindest hinzugefügt werden, um eine gewisse Distanz zu signalisieren. Vielleicht kann dadurch erreicht werden, daß mehr über die tatsächlich möglichen Schritte der Auseinandersetzung mit den Verbrechen nachgedacht wird. Wer nicht das Undurchführbare fordert, kann eher dazu beitragen, Konkretes zu erreichen. Dazu bedarf es einer präziseren Darstellung der erreichbaren Möglichkeiten. Daher sind auch von Historikern und Politikwissenschaftlern Definitionen zu erwarten. Wer behauptet, daß die Vergangenheit zu wenig oder gar nicht bewältigt worden ist, sollte Kriterien für die "Bewältigung" nennen oder darauf verzichten, das Unmögliche zu verlangen.

Wie hoffentlich überzeugend begründet, ist der Begriff ein Unsinn. Da er jedoch nicht nur existiert, sondern zu einem Schlüsselbegriff der letzten Jahrzehnte geworden ist, sollten wir sinnvoller mit dem Wort "VB" umgehen. Dafür scheint es mir notwendig zu sein, Klarheit über die Bestandteile der "VB" herzustellen: "Bewältigt" soll natürlich nicht die Vergangenheit schlechthin werden, sondern ein bestimmtes Verbrechen. Zuerst muß also festgestellt werden, um welche Verbrechen es sich handelte. Dies ist vor allem bei angestrebten Vergleichen wichtig. Das für die Verbrechen verantwortliche Regime muß beseitigt worden sein. Dies klingt nach einer Binsenweisheit, ist jedoch etwa im Fall Chiles nicht eindeutig. Der Hauptverantwortliche ist trotz eines demokratisch gewählten Präsidenten noch immer Oberkommandierender der Armee. Die wirkliche Zäsur hat in Chile noch nicht stattgefunden. Verbrechen der Vergangenheit zu "bewältigen" ist nur möglich, wenn die Täter nicht mehr an der Macht beteiligt sind. Ist das verbrecherische Regime nun tatsächlich Vergangenheit, muß eine Anerkennung der Verbrechen folgen. In der Regel ist diese Anerkennung mit einer Entschuldigung verbunden. Dies muß jedoch nicht immer der Fall sein. Gorbatschow hat zwar die Ermordung polnischer Offiziere eingestanden, sich für Katyn jedoch nicht entschuldigt. Ähnlich ist das Verhalten von Mitterand gegenüber Vichy. Anerkennung des Verbrechens und Entschuldigung dafür kann man als symbolische Handlungen bezeichnen. Aufgearbeitet ist damit noch nichts. Die eigentliche Aufarbeitung beginnt erst mit der Verfolgung und Aburteilung der Täter und dem Versuch einer "Wiedergutmachung" in Form einer Entschädigung der Opfer. Die Bestrafung der Täter erfolgt durch die Justizbehörden, und die "Wiedergutmachungs"leistungen werden ebenfalls vom Staat erbracht. Diese zwei Bereiche lassen sich exakt berechnen: So und so viele Täter wurden in der Bundesrepublik Deutschland im Vergleich zur DDR verurteilt, so und so viel wurde zum Beispiel von derselben Bundesrepublik im Vergleich zu Österreich an Israel bezahlt. Nicht berechnen läßt sich jedoch der Umgang des einzelnen mit der Vergangenheit. Was hat ein Deutscher oder ein Österreicher tatsächlich gelernt? Begreift er mehr? Ist "Vergangenheitsbe- wältigung" eher nur ein moralisches Gebot als eine mögliche Abwehr gegenwärtiger Gefahren? Da bis jetzt häufig das Moralisieren überwog ("Die Vergangenheit muß bewältigt werden!"), da bis jetzt meist alles auf einmal verlangt wurde (siehe oben), kann nicht erwartet werden, daß wir aus der Geschichte etwas lernen. Die Ziele im Zusammenhang mit "VB" sollten bescheiden und nüchtern formuliert werden. Die Mitarbeit von österreichischen Zivildienstpflichtigen in ausländischen Holocaust-Gedenkstätten im Rahmen des Projektes Gedenkdienst und die jährlich stattfindenden Braunauer Zeit- geschichtstage wollen dafür ein Beispiel sein.

Dr. Andreas Maislinger, Jahrgang 1955, Politikwissenschaftler und Publizist in Innsbruck.



Jüdische Rundschau, 26.11.1992
Oswiecim
von Andreas Maislinger

Wäre an dieser Stelle zu dieser Zeit nicht ein Kommentar über Osijek, Vinkovci oder Sarajevo angebrachter? Das sind auch slawische Ortsnamen, genauso wie das polnische Oswiecim, das bei uns fast nur bekannt ist unter der deutschen Bezeichnung Auschwitz. Obwohl so viel über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien geschrieben wurde und diese und andere Orte zum Synonym für Verbrechen geworden sind, ist bis heute kaum etwas erreicht worden. Die täglichen Berichte über das Morden lassen uns immer gleichgültiger werden. Fast scheint es, als ob es ein direktes Verhältnis zwischen der Intensität der Berichterstattung und unserem Wegschauen gäbe.

Auch Auschwitz wurde zum Synonym. Der deutsche Name der polnischen Kleinstadt steht für die Shoa. In den vergangenen Jahrzehnten wurden unzählige Bücher über Auschwitz veröffent- licht. Auschwitz wurde dadurch zu einem der zentralen Begriffe zur Beschreibung des 20. Jahrhunderts. Ähnlich charakteristisch für unser Jahrhundert sind wahrscheinlich nur noch Hiroshima und Tschernobyl. Aber je mehr diese Orte zum Prinzip gemacht werden, desto größer ist die Gefahr, daß das konkrete Ereignis verblaßt. Auschwitz wurde für viele schon zum Mythos.

So wichtig es war, daß mit Auschwitz ein Bewußtsein für die Er- mordung der Juden geschaffen wurde, so bedrohlich ist die damit verbundene Verallgemeinerung. Die "Auschwitz-Lüge" wurde dadurch erst möglich. Wäre Auschwitz von Anfang an ausschließlich als Ort von konkret feststellbaren und beweisbaren Verbrechen der Nationalsozialisten betrachtet worden, wäre die weite Verbreitung des "Auschwitz-Mythos" schwer denkbar. Symbole müssen beein- drucken. So ist die lange Aufrechterhaltung der Behauptung, im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wären über 4 Millionen Menschen ermordet worden, zu erklären.

Der Ort der konkret feststellbaren und beweisbaren Verbrechen ist das Panstwowe Muzeum w Oswiecimiu, das staatliche Museum Auschwitz. Und hier ist ein Widerspruch festzustellen: Es gibt für diese Gedenkstätte erstaunlich wenig Aufmerksamkeit und Hilfe aus dem Ausland, verglichen mit der Fülle an Literatur über das "Prinzip Auschwitz". Es ist unglaublich, daß diese Diskrepanz bis jetzt kaum bemerkt wurde. Während der letzten zwei Jahrzehnte gab es zwar ausländisches Engagement im Museum, dieses beschränkte sich jedoch vor allem auf die Präsentation der eigenen Unschuld. Die kommunistischen Staaten stellten den heroischen Widerstand dar, 1978 eröffnete die Republik Österreich ihren Pavillon. In der von der Österreichischen Lagergemeinschaft Auschwitz gestalteten Ausstellung werden Österreicher ausschließlich als Opfer und Widerstandskämpfer dargestellt. Von der starken Betei- ligung am Holocaust findet sich kein Wort. Die verschiedenen an der Finanzierung der Österreich-Ausstellung im Museum beteiligten Stellen kamen nicht auf die Idee, die Gedenkstätte als ganzes finanziell zu unterstützen. Der Ort des Gedenkens wurde benützt, anstatt daß man ihm genützt hätte.

Aber die Demokratisierung Polens und die Auflösung des Ostblocks ermöglicht jetzt neue Ansätze im Umgang mit dem konkreten Ort des Verbrechens: Der Museumsführer ergeht sich nicht mehr in allge- meinen Formulierungen, ohne die Juden zu nennen, und das Gelände des Vernichtungslagers Birkenau wird stärker miteinbezogen. Zuletzt wurde es sogar möglich, daß ein Ausländer für ein Jahr im Archiv des Museums mitarbeitet. Nach Auskunft der Direktion der Gedenkstätte ist der österreichische Zivildiener Georg Mayer der erste ausländische Mitarbeiter. Georg Mayer arbeitet seit 1. September 1992 im Rahmen des Projekts Gedenkdienst in der Abteilung von Jan Parcer.

Warum hat dieser erste Versuch einer Internationalisierung der Holocaust-Gedenkstätte so lange gedauert? Warum beschränkte sich der nach der Wende gegründete Internationale Rat der Gedenkstätte auf kurze Besuche und kam nicht auf die Idee, konkrete Hilfe zu leisten? Mit Kritik an der Vereinnahmung des Ortes durch Polen hielt man sich in den letzten Jahren zwar nicht mehr zurück, die Möglichkeiten der Erneuerung wurden aber kaum erkannt. Die Republik Polen hat, wie allgemein bekannt, finanzielle Probleme. Auch aus diesem Grund verweigert sich die Direktion des Museums ausländischen Einflüssen nicht mehr. 1990 habe ich in einem Kommentar vorgeschlagen, die Gedenkstätte dem Europarat zu unter- stellen. Unter dem Titel Auschwitz "gehört" Europa erschien dieser Kommentar in mehreren Zeitungen und Zeitschriften. Diese Forderung stieß in Polen auf Ablehnung. Das war vor zwei Jahren. Obwohl diesen großen Schritt viele Polen noch immer als Bevor- mundung empfinden würden und empfinden müssen, möchte ich diesen Vorschlag erneuern. Oswiecim ist topographisch ein polnischer Ort. Auschwitz als Synonym für die Shoa, das "Prinzip Auschwitz", ist an keinen Ort gebunden. Aber für die Gedenkstätte Auschwitz- Birkenau sollten alle europäischen Staaten Verantwortung über- nehmen.

Kurz nachdem der österreichische Zivildiener als erster aus- ländischer wissenschaftlicher Mitarbeiter in das Museum kam, wurde es auch einer jungen Deutschen ermöglicht, dort zu helfen. Das österreichische Wissenschaftsministerium hat darüber hinaus meinen Vorschlag akzeptiert, Stipendien für die Archivarbeit in Auschwitz zur Verfügung zu stellen. Warum sollte es bei diesen zwei ausländischen Mitarbeitern bleiben?

Dr. Andreas Maislinger, Politikwissenschaftler in Innsbruck, Leiter des Projektes Gedenkdienst und der Braunauer Zeitge- schichte-Tage



Jüdische Rundschau, 21.1.1993
Mutarbeit
von Andreas Maislinger

Es war vor drei Monaten beim 2. deutschsprachigen Holocaust-Seminar in YAD VASHEM, als wir bereits einige Tage über die Not- wendigkeit der Beschäftigung mit den Verbrechen der deutschen und österreichischen Nationalsozialisten gesprochen hatten. Immer wieder kam (besonders von den westdeutschen Teilnehmern) die Aufforderung, die Vergangenheit zu "bewältigen" und mehr "Trauerarbeit" zu leisten. An dieser Stelle ist es nicht möglich, ausführlich auf das Buch Die Unfähigkeit zu trauern von Alexander und Margarete Mitscherlich einzugehen, ich bin auch kein Psychologe. Das Bild des Trauernden auf der Piper-Taschenbuch-Ausgabe hatte ich jedoch vor mir. Der Trauernde sollte doch end- lich aufstehen und sich mutig den neuen Gefahren entgegenstellen. Er sollte "Mutarbeit" als zwingende Fortsetzung der "Trauer- arbeit" leisten.

Der Duden definiert Mut als Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation seine Angst zu überwinden, und als die grund- sätzliche Bereitschaft, angesichts zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält. Trauer wird als (tiefer) seelischer Schmerz über einen Verlust oder ein Unglück definiert. Bezogen auf die Situation der Jugendlichen am Anfang der 90er Jahre: Über welchen Verlust oder welches Unglück sollte ein Deutscher trauern, der 1955 oder 1970 geboren wurde? Die Forderung, doch endlich Trauerarbeit zu leisten, ergibt für ihn keinen Sinn.

Ein anderes Schlagwort: Schuld. Auch wir Nachgeborenen sollten uns schuldig fühlen. Dazu schreibt Hannah Arendt in Eichmann in Jerusalem, einem Buch, das zum Schlagwort wurde, welches alle seine Inhalte zerschlagen hat. Dabei hat sie vor fast drei Jahrzehnten Feststellungen getroffen, die uns heute weiterhelfen können. Auf Seite 298 schreibt Hannah Arendt: "Sich schuldig zu fühlen, wenn man absolut nichts getan hat, und es in die Welt zu proklamieren, ist weiter kein Kunststück, erzeugt allenthalben "erhebende Gefühle" und wird gern gesehen. Es gibt sehr wenige Menschen, die imstande sind, wirklich begangenes Unrecht einzusehen - von Reue oder Scham ganz zu schweigen.(...) Die normale Reaktion einer Jugend, der es mit der Schuld der Vergangenheit ernst ist, wäre Empörung. Und Empörung wäre zweifellos mit gewissen Risiken verbunden - nicht gerade eine Gefahr für Leib und Leben, doch entschieden ein Handicap für die Karriere. Das ist alles sehr verständlich; aber wenn diese Jugend von Zeit zu Zeit - bei Gelegenheit des Anne-Frank-Rummels oder anläßlich des Eichmann-Prozesses - in eine Hysterie von Schuldgefühlen ausbricht, so nicht, weil sie unter der Last der Vergangenheit, der Schuld der Väter, zusammenbricht, sondern weil sie sich dem Druck sehr gegenwärtiger und wirklicher Probleme durch Flucht in Gefühle, also durch Sentimentalität entzieht."

Genau das ist heute zu beobachten. Alles mögliche wird gegen den neuen Rechtsextremismus unternommen, wenn es nichts kostest und mit keinem wirklichen Risiko verbunden ist. Risikolos ist, sich an Ritualen zu beteiligen. Die österreichische Zeitschrift NEWS präsentiert seit Wochen gute Menschen. Das sind jene Österreicher, die 25 Schilling ausgeben, indem sie die

Zeitschrift um 20 Schilling kaufen und eine Fünf-Schilling-Briefmarke, um einen Kupon an die Redaktion zu senden. Sie schreiben ein paar menschliche Zeilen darauf, und bei ausreichend vorhandener Prominenz werden diese Zeilen sogar mit Foto veröffentlicht. Das ganze versteht sich als Initiative gegen die Ausländerfeindlichkeit. Risiko? Mut? Da nicht notwendig und auch nicht vorhanden, zeigt dieses Auftreten in der Öffentlichkeit bei jenen, die beeinflußt werden sollen, keine konkrete Wirkung. Außer in der eigenen Befindlichkeit: als guter Mensch dazu- stehen.

Jene österreichischen Zivildienstleistenden, die im Rahmen des Projektes Gedenkdienst ein Jahr im Museum Auschwitz oder in YAD VASHEM arbeiten, müssen da schon etwas mehr Mut zeigen. In vielen Gesprächen mit Interessenten an diesem einjährigen Dienst zeigt sich aber genau dieses Dilemma, nämlich Schuldgefühle und Schuldbekenntnisse, also das, was üblicherweise unter "Trauerarbeit" verstanden wird, sind das eine, und die Bereit- schaft, sich auf etwas Neues einzulassen, ein bißchen Mut zu zeigen, Ansätze zu einer "Mutarbeit", das andere. Die Arbeit in den Gedenkstätten leisten die Nüchternen, die anderen bleiben bei ihren gut klingenden Bekenntnissen. Sie wollen sich den tatsächlichen Herausforderungen eines Aufenthaltes in Oswiecim und der ständigen Auseinandersetzung mit dem Auschwitz nicht aussetzen und unterschreiben stattdessen einen Appell gegen Ausländerfeindlichkeit. Irgend etwas muß man tun, um ein besseres Gefühl zu haben. Eigentlich geht es immer wieder um die Befriedigung der Gefühle und nicht um die bewußte Aneignung von Zivilcourage.

Ist es ein Zufall, daß der Begriff Zivilcourage 1864 von Bismarck geprägt wurde? Trotz des anderer Eindruckes, der vor allem durch die 68er Bewegung vermittelt worden ist, sind Mut und Zivilcourage Begriffe der Rechten, noch schlimmer, der Rechtsextremisten. Als Beleg nenne ich die Zeitschrift MUT (welche sich allerdings in jüngster Zeit zu einer seriösen kon- servativen Zeitschrift "mutiert" hat). Ist es ein Zufall, daß "Mut" nicht als Titel für eine eindeutig demokratisch engagierte Zeitschrift gewählt worden ist? Mut zeigen vor allem Extremisten der Rechten und der Linken. In der Mitte scheint die Anpassung vorzuherrschen. Ist daran nicht auch die Demokratie 1933 zu Grunde gegangen? Es fehlte auch damals am Mut derjenigen, die "nur" die Demokratie retten wollten. Mut scheinen nur die zu brauchen, welche Bestehendes beseitigen wollen. Die anderen, die "schweigende Mehrheit" paßt sich an, duckt sich, um schneller und leichter an die gewünschte Position zu kommen. Nur kein Risiko eingehen. Wenn ich meinen Zivildienst im Museum Auschwitz-Birkenau ableiste, könnte das meinem späteren Vorgesetzten nicht gefallen. Ein kleines Zeichen in Form einer Unterschrift oder einer Spende ja, aber keinen entscheidenden Einschnitt in die eigene Biographie.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Mutarbeit bedeutet natürlich nicht, daß jeder ein Jahr ohne Verdienst im Museum Auschwitz arbeitet. Mutarbeit kann täglich und überall geleistet werden. Die Ausrede, das Große doch nicht leisten zu können, ist dann nicht mehr möglich. Für (scheinbar) Kleines kann man sich täglich einsetzen. Und dieser Einsatz verlangt nicht selten viel Mut.



Jüdische Rundschau, 18.3.1993
Menschen
von Andreas Maislinger

Vom 14. bis 16. Mai 1993 findet in der Evangelischen Akademie Hofgeismar eine Tagung über Jüdische Menschen in Deutschland heute statt. Obwohl die vielen evangelischen Akademien Tagungen zu allen möglichen Themen anbieten, mit "evangelischen Menschen" haben sie sich noch nicht beschäftigt. Ebensowenig wird in einer katholischen Akademie über "katholische Menschen" diskutiert. Schon die Frage nach einem derartigen Tagungsthema würde mit Verwunderung aufgenommen.

Nicht anders wird das Bild, wenn nicht die Religionszugehörigkeit, sondern die ethnische oder nationale Herkunft betont werden soll. Auch das Tagungsthema "französische Menschen in Deutschland" ist völlig ausgeschlossen. Nicht jedoch polnische Menschen, die gibt es tatsächlich, mit diesem Wortlaut aber werden sie zu einem Gegenstand der Fürsorge und Betreuung. Da sich aber auch niemand mit "deutschen Menschen" beschäftigen will, sollten wir endlich hellhörig werden. Was wird hier eigentlich gespielt?

Die Veranstalter der oben erwähnten Tagung wollen durch die gewählte Bezeichnung der Juden in Deutschland keine Abwertung vornehmen und verfolgen ganz bestimmt keinen "abträglichen Hintersinn", wie mir die Verantwortlichen schriftlich versicherten. Nur ernsthaft nachgedacht haben sie über den Hintersinn des Menschen nicht.

Wenn (besonders junge) Deutsche betulich über die polnischen Menschen sprechen, dann hat das etwas Mitleiderregendes und verlangt richtiggehend nach Barmherzigkeit. Ein Pole begegnet einem Deutschen (trotz seines geringeren Wohlstandes) mit Selbstbewußtsein. Ein polnischer Mensch ist benachteiligt, er bedarf unserer Fürsorge und damit der Bevormundung. In einer nicht fernen Zukunft auch (wieder) der Kontrolle. Dolf Sternberger, dessen "Wörterbuch des Unmenschen" mich zu diesem Kommentar anregte, nennt dafür ein überzeugendes Beispiel: "Die deutschen Menschen an der Saar hörten in dem Augenblick auf, so zu heißen, als das Saargebiet in die Bundesrepublik Deutschland eingegliedert war."

Entscheidend ist also, daß von jüdischen, polnischen, ausländischen, nicht-katholischen (so formuliert in einem 3sat- Bericht vom österreichischen Caritas-Sprecher, wobei er hilfsbedürftige Bosnier gemeint hat) Menschen gesprochen wird, und das klingt sehr von oben herab, es ist die Wortwahl eines Starken gegenüber einem Schwachen. Vergleichbar ist die Verwendung des Wortes Mitbürger.

Gegen den Begriff Mitbürger ist an sich überhaupt nichts einzuwenden. Es fällt aber auf, daß Mitbürger fast ausschließlich gegenüber bestimmten Gruppen verwendet wird. Nicht alle Bürger sind Mitbürger, sondern wieder nur vor allem Ausländer und Juden. Mitbürger sind offensichtlich Bürger mit Sonderstatus. In der letzten Kolumne Zur Lage vom 11. März schrieb Roy Oppenheim von den jüdischen Mitbürgern der Diaspora. Was soll das bedeuten? Oppenheim bezeichnet nämlich wenige Zeilen später die Mehrheitsbevölkerungen als "Wirtsvölker". Die Verwirrung scheint komplett. Da gibt es also in einem Land Bürger und Mitbürger. Das Regierungsmitglied Ruth Dreifuss müßte nach dieser Logik eine jüdische Mitbürgerin sein, gleichzusetzen mit Ausländern. Das ist Unsinn, wird auch sicher nie so formuliert. Prominente Juden wie Ignatz Bubis, Ruth Dreifuss und Robert Jungk werden nicht als jüdische Mitbürger bezeichnet. Oder können Sie sich vorstellen, daß in diesen Tagen eine Schweizer Zeitung berichtet, daß die jüdische Mitbürgerin Ruth Dreifuss zum Mitglied der Regierung gewählt worden ist?

Die in diesem Kommentar zusammengefaßte Kritik ist nicht neu. Immer wieder wird kritisch angemerkt, wie unbeholfen dieser Sprachgebrauch ist. Warum schreibt man, zumindest in der Jüdischen Rundschau, nicht immer selbstbewußt Jude, wenn diese Unterscheidung notwendig ist? Meistens ist ohnehin eine andere Bestimmung von größerer Bedeutung: Alter, Beruf, Frau/Mann oder vielleicht noch die Nationalität. Durch die Bezeichnung jüdischer Mensch scheinen alle anderen Attribute hinfällig zu werden. Das ist doch Diskriminierung!

Und überhaupt: Was soll die besondere Hervorhebung, daß es sich bei Ausländern und Juden um Menschen handelt?



Jüdische Rundschau, 25.5.1993
Franz Jägerstätter
von Andreas Maislinger

Während der letzten drei Monate war in YAD VASHEM der Bilderzyklus "Licht in der Finsternis" des österreichischen Malers Ernst Degasperi zu sehen. Der Künstler zeichnet in seinem Zyklus den Opfergang des oberösterreichischen Bauern Franz Jägerstätter nach. Es geht nun in meinem Kommentar nicht um die künstlerische Qualität der Zeichnungen, es geht um die Tatsache, daß ein österreichischer Gegner des Nationalsozialismus von YAD VASHEM in dieser außergewöhnlichen Form geehrt wird.

Ich bin YAD VASHEM, Österreich und Franz Jägerstätter sehr verbunden, hätte mich also über diese besondere Auszeichnung meines Landes und Franz Jägerstätters freuen müssen. Und doch halte ich es für falsch, daß YAD VASHEM Jägerstätter in dieser Form ausgezeichnet hat. Da ich auf der anderen Seite seit Jahren versuche, mich für die Anerkennung Franz Jägerstätters einzusetzen, wird meine kritische Haltung überraschen.

Franz Jägerstätter ist der bekannteste österreichische Gegner und auch das bekannteste österreichische Opfer des Nationalsozialismus. Über Jägerstätter wurden mehrere Filme gedreht und Bücher veröffentlicht. Besonders von amerikanischen Katholiken wird er als Heiliger verehrt. Franz Jägerstätter ist 1907 in St. Radegund, wenige Kilomenter von Braunau am Inn entfernt, geboren. Nach mehrmaligem Aufschub erfolgte im Februar 1943 seine Einberufung zur Deutschen Wehrmacht. Jägerstätter weigerte sich, für das Dritte Reich zu kämpfen, und wurde am 9. August 1943 in Berlin enthauptet.

Es ist bekannt, daß viele prominente Gegner Hitlers Antisemiten waren oder gegenüber der Vernichtung der Juden gleichgültig blieben. Pater Maximilian Kolbe schrieb sogar antisemitische Artikel. Dieser Umstand ist inzwischen allgemein bekannt und hat nichts an der Bedeutung des Zeugnisses von Pater Kolbe geändert. Trotz seiner noch viel größeren Bekanntheit ist jedoch kein polnischer Künstler auf die Idee gekommen, YAD VASHEM darum zu bitten, einen Pater Kolbe-Zyklus zeigen zu dürfen. Die katholischen Polen verehren ihren heiligen Maximilian um vieles mehr als die österreichischen Katholiken Franz Jägerstätter. Die Republik Polen wünscht sich, wie Österreich, eine stärkere Anerkennung durch Israel, es scheint jedoch undenkbar, daß der polnische Botschafter den Wunsch an die Leitung von YAD VASHEM heranträgt, Pater Kolbe zu ehren.

Franz Jägerstätter war im Gegensatz zu Pater Maximilian Kolbe nicht antisemitisch. Trotz seiner für einen einfachen Bauern unglaublichen politischen Informiertheit und Sensibilität hat er sich aber in seinen umfangreichen Notizen nie über die Verfolgung der Juden geäußert. Im zum Standardwerk gewordenen Buch Franz Jägerstätter "...besser die Hände als der Wille gefesselt..." von Erna Putz kommen die Juden nur einmal, der Holocaust überhaupt nicht vor. Auf Seite 87 zitiert Erna Putz aus den politischen und religiösen Reflexionen Franz Jägerstätters der Jahre 1941 bis 1943:

"Fragen wir uns einmal, sind denn Österreich und Bayern schuldlos, daß wir statt einer christlichen Regierung jetzt eine nationalsozialistische haben? Ist denn bei uns der Nationalsozialismus ganz einfach vom Himmel gefallen? Ich glaube, darüber brauchen wir nicht viel Worte zu verlieren, denn wer im März 1938 nicht geschlafen hat, der weiß ohnedies gut genug, wie es damals ausgeschaut hat. Ich glaub, es ist nicht viel anders zugegangen als am Gründonnerstag vor mehr als 1900 Jahren, wo man dem jüdischen Volke freie Wahl gegeben hat zwischen Christus, dem unschuldigen Heiland, und dem Verbrecher Barabas, auch damals hatten die Pharisäer Geld ausgeteilt unter das Volk, um fest zu schreien, um diejenigen, die noch zu Christus gehalten, irrezuführen und einzuschüchtern. Was hat man nicht auch bei uns im März 1938 gegen den noch christlich gesinnten Kanzler und gegen die Geistlichkeit für Schauermärchen erzählt und erdichtet."

Der oberösterreichische Bauer hatte einen scharfen Blick für den Nationalsozialismus, und vor dem "Anschluß" Österreichs hatte er genau verfolgt, was in dem benachbarten Bayern vor sich gegangen ist. Jägerstätter hat die politische Entwicklung nicht verschlafen, an seiner traditionellen katholischen Einstellung zum jüdischen Volk scheint dies jedoch nichts geändert zu haben. Es ist schwer verständlich, daß der so überaus kluge Mann nicht vor seinem Vergleich der Pharisäer mit den Nationalsozialisten erschrocken ist. Noch verwunderlicher ist jedoch der Umstand, daß die Autorin diese Stelle unkommentiert abdrucken ließ.

Durch meine Kritik gehe ich ein mehrfaches Risiko ein. Jägerstätter hat noch nicht die auch von mir gewünschte Anerkennung gefunden. Man leistet jedoch der Anerkennung Jägerstätters keinen guten Dienst, wenn man ihn an einem Ort ehrt, wo er nicht hingehört. Von Teddy Kollek wurde bei der Eröffnung der Ausstellung betont, daß es sich um eine besondere Geste gegenüber Österreich handeln soll. Als Österreicher freue ich mich natürlich über die Anerkennung meines Landes durch den Bürgermeister von Jerusalem. Franz Jägerstätter ist jedoch (leider) gerade dafür nicht der geeignete Vertreter. Franz Jägerstätter würde eine Anerkennung durch das russische Volk verdienen, denn über das Leiden der Russen hat er immer wieder geschrieben. Es hilft nicht weiter, wenn eine bedeutende Persönlichkeit mit Verdiensten überfrachtet und ihm zu viele Einsichten zugeschrieben werden, wie zum Beispiel durch die in Israel erscheinende jiddische Zeitung LETZTE NAJES, die am 12. Februar 1993 zu berichten wußte, daß Jägerstätter wegen der erhaltenen Informationen über die Verbrechen der Deutschen in den Vernichtungslagern den Dienst in der Wehrmacht verweigerte.

Franz Jägerstätter hat den verbrecherischen Charakter des Nationalsozialismus erkennen wollen und danach konsequent gehandelt. Das macht ihn zu einem der bedeutendsten Österreicher unserers Jahrhundert. Als Katholik blieb er jedoch (soweit wir wissen) gegenüber den Juden blind. Eine noch so große Ehrung kann daran (leider) nichts ändern.

Dr. Andreas Maislinger, Jg. 1955, Politikwissenschafter in Inns- bruck, leitet die Braunauer Zeitgeschichte-Tage und das Projekt Gedenkdienst.



Jüdische Rundschau, 12.8.1993
Anne Frank
von Andreas Maislinger

Die Süddeutsche Zeitung stellte in der Wochenendausgabe vom 31. Juli schon wieder ein neues Buch über Anne Frank vor. Erneut geht es darum, "mit dem Herzen zu lernen", denn die Bedeutung des Tagebuches, so die Rezensentin, besteht darin, "daß junge Leser sich mit diesem Mädchen identifizieren, mit ihm mitleiden, sich vorstellen können, an seiner Stelle zu sein. Für Generationen von Jugendlichen wurde Anne Franks Schicksal zum Anstoß, sich Zeitgeschichte anzueignen - nicht als abstrakten Begriff, als zu bewältigenden Lernstoff, sondern als sie persönlich berührende Geschichte." Da dieses von der Anne Frank Stiftung herausgegebene, 64 Seiten umfassende Buch auch reich bebildert ist, wird es sicher viele junge Leser finden.

Die Ermordung von Anne Frank wird also weiter in der seit Jahrzehnten üblichen Art als Schicksal dargestellt. Der Duden definiert Schicksal als "höhere Macht, die in einer nicht zu beeinflussenden Weise das Leben bestimmt und lenkt." War jedoch das "Schicksal" Anne Franks tatsächlich nicht zu beeinflussen? Gab es tatsächlich keine andere Möglichkeit, als in einem Amsterdamer Hinterhaus darauf zu hoffen, nicht entdeckt zu werden? Ich bin mir natürlich bewußt, daß ich mich mit dieser Frage der Gefahr aussetze, mißverstanden zu werden. Anne Franks Leben ist zu einem Topos, ihr Bild zu einer Ikone geworden. Wahrscheinlich haben auch die von Revisionisten vorgebrachten Fälschungsanschuldigungen dazu beigetragen, jede kritische Auseinandersetzung zu unterbinden. Dabei hat ein international sehr bekannter Kinderpsychologe die aus meiner Sicht überfälligen Fragen bereits vor mehr als drei Jahrzehnten gestellt.

Bruno Bettelheim schrieb nämlich in Harper's Magazine, November 1960: "Doch was Anne Frank erlebte, war weder ein unausweichliches noch heldenhaftes, sondern ein ebenso schreckliches wie sinnloses Schicksal. Anne Frank hatte - wie viele andere jüdische Kinder in Holland - eine gute Überlebenschance. Freilich hätte sie ihre Eltern verlassen und zu einer nichtjüdischen holländischen Familie ziehen müssen, die das Mädchen als ihre eigene Tochter ausgegeben hätte. Das aber hätten ihre Eltern in die Wege leiten müssen. (...) Das soll keine Kritik am Verhalten der Familie Frank sein, die keine solchen Pläne faßte. Jede Familie hat das Recht, ihr Leben so einzurichten, wie es ihr behagt, und die damit verbundenen Risiken einzugehen. Mir geht es hier nicht darum, die Art und Weise, wie die Franks verfuhren, kritisch unter die Lupe zu nehmen, sondern um die allgemeine Bewunderung, die man der Art, wie sie sich mit ihrem Problem auseinandersetzten bzw. nicht auseindersetzten, gezollt hat."

Obwohl der Aufsatz Anne Frank - eine verpaßte Lektion in mehreren Auflagen, zuletzt 1992, im dtv-Taschenbuch Erziehung zum Überleben erschienen ist, blieb Bruno Bettelheims Einschätzung weitestgehend unberücksichtigt. Der 1990 verstorbene Bruno Bettelheim hat mit seinen Büchern große Beachtung gefunden, trotzdem beeinflußte er, soweit mir bekannt ist, die weltweite Anne Frank Rezeption nicht.

Es paßt in dieses Bild, daß die Erinnerungen von Marga Minco, Bitter Herbs nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Das damals etwa gleichaltrige Mädchen überlebte, weil seine Eltern den Plan gefaßt hatten, daß der Vater die Polizei, wenn sie käme, so lange aufhalten würde, bis die Mutter mit der Tochter durch die Hintertüre geflüchtet wären. Bettelheim berichtet, daß es zwar nicht planmäßig verlief, weil beide Eltern bei diesem Widerstand getötet worden sind. Das Mädchen konnte jedoch tatsächlich fliehen und überlebte bei einer niederländischen Familie.

An dieser Stelle muß ich mich gegen eine naheliegende Mißinterpretation meiner Einwände gegen die einseitige Rezeption der Geschichte Anne Franks wehren: Es kann nicht darum gehen, ins Gegenteil zu verfallen und nur noch heldenhafte Widerstandsgeschichten zu erzählen. Das Tagebuch der Anne Frank bleibt natürlich ein einmaliges, berührendes Dokument, als Lehrstück (besonders für Jugendliche) sollte es jedoch die von Bettelheim aufgezeigte Überlebenschance auch aufzeigen. Wäre es nicht denkbar, den nächsten Auflagen des Tagebuchs der Anne Frank Bruno Bettelheims "Verpaßte Lektion" als Anhang hinzuzufügen?

Wie berechtigt die Sorge ist, mit derartigen kritischen Anmerkungen mißverstanden zu werden, haben die Reaktionen auf meinen Kommentar in der Jüdischen Rundschau vom 25. Mai 1993 über den oberösterreichischen Bauern Franz Jägerstätter gezeigt. Die Frage nach dem Verhältnis des am 9. August 1943 hingerichteten Kriegsdienstverweigerers zu den Juden darf offensichtlich nicht gestellt werden. Nachdem dieser Kommentar in der Zeitschrift des Christlichen Lehrervereins für Oberösterreich nachgedruckt worden war und über die Austria Presse-Agentur Eingang in die Tagespresse gefunden hatte, wurde ich als Nestbeschmutzer behandelt. Mit dem Einwand, Jägerstätter hätte nichts über die Verfolgung der Juden gewußt, wurde meine Kritik als haltlos und diffamierend zurückgewiesen. Umso erstaunter war ich, als ich anläßlich der Gedenkveranstaltungen zum 50. Todestag Jägerstätters in seinem Heimatort St. Radegund das Theaterstück "Das Vermächtnis" sah. Dieses Theaterstück nimmt für sich in Anspruch, das Leben Jägerstätters zu dokumentieren. Und siehe da, jetzt hat er plötzlich doch von der Judenverfolgung gewußt. In einer Szene wurde nämlich dargestellt, wie er sich weigert, einer Vertreterin der NS-Frauenschaft Kleiderstoffe abzukaufen, nachdem die Nationalsozialistin erwähnt hat, daß diese Stoffe von einem arisierten Geschäft eines vertriebenen Juden stammen. So wird weiter daran gearbeitet, Jägerstätters ohnehin ungewöhnliche Einsichten zu überhöhen.

Bruno Bettelheim, Erziehung zum Überleben
Zur Psychologie der Extremsituation
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1992



Jüdische Rundschau, 3.3.1994
Gerechte
von Andreas Maislinger

Oskar Schindler ist in den letzten Wochen ein sehr bekannter Name geworden. Wer einen Kabelanschluß besitzt und die Möglichkeit hat, mehrere Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, hat bestimmt zehn bis zwanzig zum Teil sehr umfangreiche Berichte gesehen oder gelesen. Der ehemalige Nationalsozialist und Retter von über tausend Juden ist in aller Munde. Natürlich ist der Film Schindlers Liste von Steven Spielberg die Ursache für dieses große Medieninteresse. Im Zuge der Berichterstattung werden jetzt auch "andere Schindler" einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt. Als Beispiel nenne ich nur einen ganzseitigen Artikel in der österreichischen Tageszeitung Kurier über den Wiener Julius Madritsch, der während des Holocaust eine Fabrik im Lager Plaszow geleitet hat. Mit ähnlichen Mitteln wie Oskar Schindler konnte er vielen Juden das Leben retten. Im Spielberg-Film und im Buch von Thomas Keneally kommt er auch vor. Namen, die über Jahrzehnte nur einem kleinen Kreis von Überlebenden und Historikern bekannt waren, dringen in das Bewußtsein einer breiten Öffentlichkeit. In der Schweiz muß ich nur den Namen Paul Grüninger erwähnen. Bei aller Vorsicht vor einer zu schnellen Verallgemeinerung: Anfang der 90er Jahre hat ein anderes Erinnern eingesetzt.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen nicht mehr Helden, wie die Männer des 20. Juli, oder zu Ikonen geformte Opfer wie Anne Frank. Unerreichbare Heldengestalten wie die Geschwister Scholl haben weiter ihren Platz in der Geschichte, ihnen werden jedoch zunehmend Frauen und Männer zur Seite gestellt, die sich nicht als Widerstandskämpfer verstanden haben, sondern "nur" Menschen bleiben wollten, und im entscheidenden Moment ihre Hilfe nicht verweigert haben. Einmal darauf aufmerksam geworden, lassen sich neben Oskar Schindler und Paul Grüninger viele weitere Namen nennen. Seit Jahrzehnten werden in YAD VASHEM Angehörige der verschiedensten europäischen Völker für ihre Rettung von Juden als "Gerechte" ausgezeichnet. Jedoch erst jetzt wird darüber auch groß berichtet. Auch dafür ein Beispiel: Am 5. Januar 1994 hat der pensionierte bayerische Zollbeamte Götz Liedtke für seinen Vater in YAD VASHEM einen Baum pflanzen dürfen. Im Juli hatte Major Max Liedtke als Ortskommandant von Przemysl das Ghetto vor dem Zugriff von SS-Einheiten abgeriegelt und damit den Abtransport der Juden ins Vernichtungslager verhindert. Die "Passauer Neue Presse" hat zuerst über sein Buch "VaterMax" und später über die Gedenkveranstaltung in YAD VASHEM groß berichtet. Früher haben die Zeitungen über derartige Ereignisse geschwiegen oder es bei wenigen Zeilen bewenden lassen.

Um meine Behauptung, daß ein anderes Erinnern eingesetzt hat, zu bekräftigen, möchte ich ein weiteres Beispiel nennen. Die oberösterreichische Bäuerin Maria Langthaler hat im Februar 1945 zwei entflohene KZ-Häftlinge unter Lebensgefahr versteckt. Fast alle anderen aus Mauthausen entflohenen sowjetischen Kriegsgefangenen wurden von aufgehetzten Mühlviertlern erschlagen. Diesen Winter dreht Andreas Gruber einen Film über diesen als "Mühlviertler Hasenjagd" in die österreichische Geschichte eingegangenen Massenmord. Ein vor ihrem Tod aufgezeichnetes Interview mit Maria Langthaler spielt dabei eine zentrale Rolle. Auch im Fall dieser einfachen Frau gilt, eingeweihten Fachleuten war der Name Maria Langthaler ein Begriff, einmal ist sie sogar im "Club 2" des österreichischen Fernsehens aufgetreten. Durch den Film wird sie jedoch einer großen Öffentlichkeit bekannt gemacht. Andreas Gruber hat seinen Film übrigens vor Steven Spielbergs "Schindlers Liste" geplant.

Was bedeutet diese größere Aufmerksamkeit für Gerechte wie Schindler, Grüninger, Liedtke und Langthaler? Wir bekommen dadurch ein vollständigeres Bild der NS-Herrschaft. In diesem neuen Bild der Jahre 1933 bis 1945 herrschen nicht mehr nur Hell und Dunkel vor, es gibt immer mehr Übergänge und Nischen, in denen sich jeder von uns wiederfinden kann. Ein Attentat auf Hitler zu planen, hatten nur ganz wenige die Möglichkeit, Gelegenheiten, Verfolgten zu helfen, ergaben sich für fast jeden. Ausreden, wonach "man" nichts dagegen machen konnte, müßten daher immer schwerer fallen.

Gespannt können wir sein, wann sich auch Japan an seinen Konsul in Kovno erinnert. Konsul Sugihara hatte im August und September 1940 vielen Juden durch die Ausstellung von Transitvisa das Leben gerettet. Im Buch "The Fugu Plan - The Untold Story of the Japanese and the Jews During World War II" finden sich ausführliche Hinweise. Da das Buch jedoch noch nicht bei uns erschienen ist, können nur ganz wenige Experten mit dem Namen Sugihara etwas anfangen.

Ein letztes Beispiel soll zeigen, daß es auch noch an Bereitschaft fehlen kann, diese konkrete Hilfe anzuerkennen. Elisabeth Böcklinger, wie die erwähnte Langthaler aus dem oberösterreichischen Mühlviertel, hat einem polnischen Kriegsgefangenen geholfen und wurde dafür nach Birkenau gebracht. Leider war der Botschafter der Republik Polen in Österreich bis jetzt nicht bereit, Frau Böcklinger wenigstens in Form eines Briefes eine kleine Anerkennung zukommen zu lassen. Da es sich bei Botschafter Professor Wladyslaw Bartoszewski um einen ehemaligen Auschwitz-Häftling und Gerechten handelt, ist sein Verhalten umso weniger verständlich.

Dr. Andreas Maislinger, Initiator und Leiter des Projektes Gedenkdienst und der Braunauer Zeitgeschiche-Tage



Jüdische Rundschau, 21.4.1994
PC
von Andreas Maislinger

Sie vermuten richtig, dieser Kommentar wurde auf einem PC geschrieben. Das ist alles, was er mit einem Computer gemeinsam hat. In diesem Kommentar geht es um "Political Correctness". Gemeint ist damit die korrekte Einhaltung von Sprachregeln, die strikte Abgrenzung von "bösen" und die völlige Enthaltung von Kritik an "guten" Menschen. Zu diesen ausschießlich guten Menschen - bei angewandter "PC" - gehört in Österreich seit einigen Jahren Franz Jägerstätter. Da ich ganz in der Nähe von St. Radegund, dem Dorf des 1943 in Berlin hingerichteten Bauern aufgewachsen bin, war mir Franz Jägerstätter von Kindheit an ein Begriff. Nach einem in den Vereinigten Staaten und im Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW) erschienen Aufsatz über die internationale Rezeption des Falles Jägerstätter hatte ich mir vor knapp einem Jahr erlaubt, in dieser Kolumne eine Frage nach seinem Verhältnis zu den Juden zu stellen.

"Franz Jägerstätter war im Gegensatz zu Pater Maximilian Kolbe nicht offen antisemitisch" hatte ich geschrieben, und obwohl in den zahlreichen Nachdrucken meines Kommentars das Wort "offen" weggelassen worden war, werde ich bis heute wegen meiner vorsichtig geäußerten Fragen nach dem Verhältnis Franz Jägerstätters zu den Juden diffamiert. Nachdem der oberösterreichische Katholik auch von Sozialdemokraten und (ehemaligen) Kommunisten zu einer Ikone erhoben wurde, war es nicht mehr PC-gemäß, an seine Äußerungen über "die Pharisäer" zu erinnern. Bis heute wirft mir der wissenschaftliche Leiter des DÖW deshalb Profilierungssucht vor. Ohne meinen Kommentar genau zu lesen, wird fast ein Jahr danach noch immer reflexartig darauf reagiert. Als der Herausgeber des in Oberösterreich erscheinenden "Antifa-Infos" meinen Jägerstätter-Kommentar nachdruckte und einige Anmerkungen über einen Hirtenbrief des Bischofs von Linz hinzufügte, bestellte ein Altkommunist aus Protest diese Zeitschrift ab.

Dies ist nur ein Beispiel für eine Entwicklung, die uns mit Sorge erfüllen sollte. Auf allen Ebenen der anhaltenden, notwendigen Diskussion um das Erbe des Nationalsozialismus machen sich selbsternannte Zensoren breit. Vor einigen Jahren war es das antifaschistische Denkmal des Bildhauers Alfred Hrdlicka. Wer sich erlaubte, sein Mißfallen zu äußern, setzte sich ebenso der Gefahr aus, reklementiert zu werden, wie einer, der heute vorsichtig darauf hinweist, daß es sich bei "Beruf: Neonazi" von Winfried Bonengel um einen diskutablen Film handeln könnte. Da die Dokumentation über den Neo-Nationalsozialisten Bela Ewald Althans jedoch nach dem PC-Verdikt nicht mehr gezeigt wird, kann auch keine Kontroverse darüber stattfinden. Andere haben über uns entschieden, daß wir uns damit nicht auseinanderzusetzen haben.

Daß es auch anders gehen kann, hat "Schindlers Liste" gezeigt. Obwohl die Person Oskar Schindler und der Film von Steven Spielberg in jeder Hinsicht die höchsten Auszeichnungen erhielt, wurden beide der Kritik nicht entzogen.

Obwohl Oskar Schindler als einer der "Gerechten" des 20. Jahrhunderts gilt, darf natürlich weiter über seine NSDAP-Mitgliedschaft, seine Profitdenken und sein Verhältnis zu Frauen gesprochen werden. Und obwohl "Schindlers Liste" natürlich vorrangig eine moralische Aussage macht, wird selbstverständlich weltweit auch über andere Beurteilungskriterien diskutiert. Selbstverständlich ist dieser Umgang mit den beiden Ikonen natürlich nicht. Gerade dieses Beispiel zeigt, wie sehr die PC-Richter bemüht sind, Kritik einzuebnen. Entscheidend ist aber, daß es ihnen nicht gelungen ist. Wer diese Diskussion in den Medien aufmerksam verfolgt, wird nichts von einem sich abzeichnenden Ende der Auseinandersetzung bemerken. Oskar Schindler ist von seiner Persönlichkeitsstruktur und seinen politischen Verflechtungen zu komplex, um mit einem PC-gemäßen Statement eingeebnet zu werden. Komplexität jeder Art muß anregen (dürfen) zum Weiterdenken.

Keiner wird ernsthaft bestreiten können, daß die offene Diskussion über die Person und den Film beiden nicht schadet. Keiner der kritischen Einwände hat die Bedeutung beider gemindert. Für die Diskussion muß jedoch gelten: Oskar Schindler hat über 1000 Menschen das Leben gerettet; Steven Spielberg hat die Kompetenz, dieses Thema aufzugreifen und filmisch abzuhandeln. Wenn dieses Fundament gesichert ist, gibt es keinen Grund, Fragen nicht zuzulassen.

Dr. Andreas Maislinger, freier Publizist in Innsbruck, Leiter des Projektes Gedenkdienst und der Braunauer Zeitgeschichte-Tage.



30.6.1994
Mut

Anfang dieses Jahres habe ich mich nach genauer Überprüfung der letzten Jahrgänge entschieden für die Zeitschrift "Mut" zu arbeiten. Die genaue Prüfung war notwendig, weil diese Zeitschrift eine rechtsextreme Vergangenheit hatte in einer Übergangszeit keine Sicherheit bestand, ob es nicht doch eine Strategie des Herausgebers Bernhard C. Wintzek war, sich mit zweifelsfreien bekannten Autoren zu schmücken, um weiter rechtsextremes Gedankengut zu verbreiten. Der der Übergang vom rechtsextremen Blättchen zur seriösen liberal-konservativen Zeitschrift kontinuierlich vollzogen wurde und sich über mehr als ein Jahrzehnt erstreckte, war diese Aufmerksamkeit angebracht. Da diese Kurskorrektur von Antifaschisten wie Peter Kratz, Institut für Faschismus-Forschung und Antifaschistische Aktion Bonn, und dem wissenschaftlichen Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, Wolfgang Neugebauer, (bewußt) nicht wahrgenommen. Wolfgang Neugebauer hat jüngst den Bürgermeister von Braunau am Inn, Gerhard Skiba, und den polnischen Botschafter in Wien, Wladyslaw Bartoszewski, vor einer weiteren Zusammenarbeit mit mir abgeraden. Begründung: Mitarbeit in der "Rechtsaußen-Zeitschrift" Mut. Bilden Sie sich bitte ein Urteil darüber, ob folgende (auszugsweise wiedergegebene) Selbstdarstellung auf rechtsextremes Gedankengut hindeutet:

"Im Mut-Verlag publizieren heute, nachdem der Verlag in den 80er Jahren eine tiefgreifende Kurskorrektur vollzogen hatte und damit einen grundlegenden Neubeginn einleitete, namhafte Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens. Zu den Buchautoren zählen zum Beispiel der Pforzheimer Oberbürgermeister Joachim Becker, der Historiker Werner Maser, der Bundestagsabgeordnete Wilfried Böhm, der Braunschweiger Oberlandesgerichtspräsident a.D. Rudolf Wassermann, der jüdische Theologe Pinchas Lapide, der Leiter des Bildungswerkes der Hanns-Seidel-Stiftung Rudolf Sassmann... Von den mehr als 60 Büchern der letzten Jahre, gehört das unlängst von Herbert Huber herausgegebene Werk "Sittliche Bildung - Ethik in Erziehung und Unterricht" zu den umfangreichsten. Es vereinigt 21 gewichtige Stimmen aus Publizistik, Wissenschaft und Politik. So u.a. Jürgen Liminski, Karin Struck, Karl Homann, Gertrud Nunner-Winkler, Bassam Tibi, Wilhelm Vossenkuhl, Robert Spaemann oder den bayerischen Kultusminister Hans Zehetmair. Für das Mut-Verlagsprogramm gilt, was Anatolij Frenkin in der Moskauer Zeitschrift "Woprosi philosophie" auch mit Blick auf die gleichnamige Zeitschrift des Verlages feststellte: "Es ist der philosophische Stil, der die Essays aus Kultur, Politik und Geschichte auszeichnet. Für Politiker, Wissenschaftler, Publizisten und Gelehrte der unterschiedlichen Richtungen ist Mut wahrscheinlich so etwas wie ein "Club" der großen Intellektuellen." Mut veröffentlichte zum Beispiel Beiträge von Franz Alt, Arnulf Baring, Wolfgang Bergsdorf, Werner Bruns, Eberhard Diepgen, Sachsens Innenminister Heinz Eggert, Rainer Eppelmann, Erhard Eppler, Viktor E. Frankl, Eckhard Jesse, Ilja Levitas (Vorsitzender des Zentralrates der Juden in der Ukraine), Nikolaus Lobkowicz, Erich Loest, Hermann Lübbe, Hans Maier, Golo Mann, Günther Nenning, Thomas Nipperday, Chaim Noll, Peter von Oertzen, Lutz Rathenow, Julius H. Schoeps (Direktor des Jüdischen Museums Wien), Ministerpräsident Bernhard Vogel, Michael Wolffsohn...

Die Demokratie ist auch in den 90er Jahren in Deutschland, Österrreich und der Schweiz gefährdet. Es ist selbstverständlich notwendig, jede Form des Extremismus genauestens zu beobachten und die Abwehrbereitschaft der Demokraten zu stärken. Daß sich diese Abwehrbereitschaft jedoch gegen eine Zeitschrift richtet, die in den letzten Jahren bewiesen hat, für Toleranz und Offenheit und gegen jede Form des Extremismus einzutreten, ist absurd. Der Herausgeber der Zeitschrift "Mut", Bernhard C. Wintzek, macht kein Geheimnis daraus, eine rechtsextreme Vergangenheit zu haben. Bereits am 22. Februar 1989 versicherte ihm jedoch der damalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, daß wir "jede Positionsänderung, die Einsichten und Willen zur aufrichtigen Bewältigung nach sich zieht", begrüßen. Seit Jahren erreichen viele derartige Schreiben den Herausgeber der Zeitschrift und jeden Monat ist jedes einzelne Heft erneut ein Beweis für diese klare Wandlung. Trotzdem meinte der wissenschaftliche Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, Wolfgang Neugebauer, den Bürgermeister von Braunau am Inn, Gerhard Skiba, und den polnischen Botschafter in Wien, Professor Wladyslaw Bartoszewski, von der weiteren Zusammenarbeit mit einem "Mut"-Autor abraten zu müssen. Für Neugebauer ist "Mut" auch 1994 eine "Rechtsaußen-Zeitschrift".

Da Neugebauer nicht der einzige Antifaschist ist, der die eindeutige Wandlung Bernhard Wintzeks und seiner Zeitschrift "Mut" nicht wahrhaben will, ist zu fragen, worin diese Wahrnehmungsverweigerung begründet ist. Die Belege für die Einstellungsänderung sind so offensichtlich und unübersehbar, daß unterstellt werden muß, Neugebauer und die anderen Ankläger jeder Zusammenarbeit mit dieser Zeitschrift wollen ganz bewußt die Veränderung nicht wahrnehmen. Ein ehemaliger Rechtsextremist muß "rechtsaußen" und damit äußerst verdächtig bleiben. Ein Lernprozeß darf ihm nicht zugestanden werden. Eine für unsere Demokratie äußerst bedrohliche Einstellung, bedeutet es doch in letzter Konsequenz: Ein Lernprozeß ist ausgeschlossen. Feinde der Demokratie kann man nur einsperren oder hinrichten. Alles andere übersieht nur zu leicht, daß sich ehemalige Rechtsextremisten immer wieder in verschiedenster Form tarnen. Einmal Nazi, immer Nazi! Damit ist bei diesen Menschen jede Überzeugungsarbeit für die Demokratie sinnlos.

Genau dieses Zurückgewinnen von Extremisten für die Demokratie ist jedoch unsere Hoffnung. Und Bernhard Wintzek könnte uns als Beispiel dienen, wie einer, der "Brandt an die Wand!" gerufen hat, zum Gespräch mit Andersdenkenden zurückgefunden hat. Sollten wir nicht, anstatt den "verlorenen Sohn" weiter zu verdächtigen, ein Fest feiern und uns über die Rückkehr des "Bruders" freuen? (Evangelium nach Lukas, 15, 11-32) Die Zeitschrift "Mut" kann uns tatsächlich mutmachen.



Jüdische Rundschau, 7. Juli 1994
Jörg Haider
von Andreas Maislinger

Obwohl Jörg Haider, der Vorsitzende der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), nur selten die Landesgrenzen überschreitet, um dann höchstens durch jene faulen Tomaten auf sich aufmerksam zu machen, mit denen er beworfen wird, dürfte er den Lesern der Jüdischen Rundschau bekannt sein. Außer seinem Vergleich mit der "ordentlichen Beschäftigungspolitik..." werden Sie sicher auch wissen, daß sich Jörg Haider im Umfeld der Leugner des Holocaust anscheinend wohlfühlt. Und trotzdem steht in seinem Buch "Die Freiheit, die ich meine" auf Seite 116:

"Das Schlimmste am Nationalsozialismus war zweifellos der zur Massenvernichtung führende Antisemitismus und Rassismus. Solche Verbrechen sind nicht wiedergutzumachen. Deutschland hat es versucht, soweit dies in materieller Form möglich ist. Österreich hat Gleiches unter Hinweis auf seine Opferrolle den Deutschen überlassen. Erst fünfzig Jahre danach fühlte sich Österreichs Bundeskanzler bemüßigt zu erwähnen, daß auch Österreicher an den Verbrechen beteiligt gewesen seien - für einen in seinem Selbstverständnis hauptamtlichen "Antifaschisten" eine schwache und späte Leistung. Kollektivschuld lehne ich kategorisch ab. Aber eine gemeinsame Verantwortung gibt es, weil die Geschichte ein gemeinsames Erbe ist."

Selbst wenn es nicht so aussieht: Auch diese Aussage paßt ins Haider-Konzept. Obwohl er zu jenen österreichischen Politikern gehört, über die am kritischsten berichtet wird und die am genauesten beobachtet werden, und obwohl soviel über Haider geschrieben und gegen seine Politik unternommen wird, ist seine Strategie immer wieder in einem erstaunlichen Ausmaß erfolgreich. Dies dürfte auch für den Bereich "Vergangenheitsbewältigung" gelten. Haider legt sich jetzt offensichtlich ein Reservoir an nicht anzweifelbaren Begegnungen und Stellungnahmen zu. Dazu gehört die zitierte Stelle aus seinem Buch ebenso wie ein jüngster Besuch im United States Holocaust Memorial Museum in Washington. Auch bei seinen Anhängern, bei denen sich die Begeisterung über derartige Äußerungen und derartige Besuche sicher in Grenzen hält, kann es Zustimmung hervorrufen, wenn Haider in der richtigen Umgebung und im passenden Augenblick "Ich war im Holocaust Museum" sagt.

So geschehen am 27. Juni in einer vom Freiheitlichen Bildungswerk, der Politischen Akademie der FPÖ, veranstalteten Diskussion über "Freiheit der Kunst" in Wien, an der neben Haider unter anderen auch der Bildhauer Alfred Hrdlicka teilgenommen hatte. Als es um seine von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien kritisierte Figur des knieenden, den Boden waschenden Juden ging, konnte Jörg Haider nicht ohne erkennbare Freude über sein "Argument" sagen: "Ich war vor ein paar Tagen im Holocaust-Museum, da existieren ja Fotos von straßenwaschenden Juden in großer Zahl, also verstehe ich nicht, warum Hrdlicka das nicht darstellen sollte." Ohne es weiter ausführen zu müssen, konnte er bei seinen Anhängern punkten: "Unser Jörg kennt sich aus. Jetzt hat er es den Juden wieder gezeigt."

Wir wissen also genau, warum Jörg Haider das Holocaust-Museum besucht hat, und die zitierte Aussage in seinem Buch war natürlich als Angriff gegen den Bundeskanzler gedacht und ist keineswegs als völlige Kurskorrektur zu verstehen. Und trotzdem bleibt es dabei, daß Jörg Haider die Vernichtung der Juden als das Schlimmste am Nationalsozialismus bezeichnet hat. Wäre es nicht eine Überlegung wert, ihn auch diesmal beim Wort zu nehmen? Wie sehr es Haider gelingt, sogar seine heftigsten Kritiker für sich zu benutzen, zeigt folgende Begebenheit: Der Wiener Journalist Hans-Henning Scharsach hat in seinem Bestseller "Haiders Kampf" auf über 200 Seiten Belege für Haiders Anklänge an den Rechtsextremismus zusammengetragen. Die Reaktion bei seinen Anhängern war nicht selten begeisterte Zustimmung. Mit Schmunzeln berichtete ein enger Mitarbeiter, daß Jörg Haider immer wieder das Buch von Scharsach zum Signieren vorgelegt bekam. Genau so wie ihn Scharsach beschrieben hatte, wollten ihn viele seiner Anhänger sehen: Als chauvinistischen Populisten, der Schönhuber, Le Pen und anderen Rechtextremisten voranschreitet. Das als Kritik konzipierte Buch diente ihnen als Beweis für die Vorreiterrolle Haiders.

Für Haider ist alles nur ein Spiel mit ständig wechselnden Regeln. Klarstellungen sind von ihm nicht zu erwarten, da sie außerhalb der von ihm selbst aufgestellten Regeln liegen. Dieser Kommentar will dazu auffordern, nicht länger den Regeln Jörg Haiders Folge zu leisten. Ihn betreffend die "gemeinsamen Verantwortung" beim Wort zu nehmen, könnte ein Beispiel dafür sein, sich von Haider nicht mehr instrumentalisieren zu lassen.

Dr. Andreas Maislinger, freier Publizist in Innsbruck, Leiter des Projektes Gedenkdienst und der Braunauer Zeitgeschichte-Tage



Jüdische Rundschau, 8.12.1994
Unterrichtssprache
von Andreas Maislinger

Das ist kein Kommentar über den Sprachunterricht an unseren Schulen. Es ist eine Stellungnahme zum Umgang meines Landes, der Republik Österreich, mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Das Wort "Unterrichtssprache" bringt meiner Meinung nach die Strategie des Abschiebens der Schuld auf "die Deutschen" anschaulich zum Ausdruck. Die österreichischen Lehrer mußten nämlich einige Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus im Unterrichtsgegenstand "Deutsch" den Schülern die Regeln der "Unterrichtssprache" beibringen. So hieß dieses Fach damals. In diese Zeit fällt auch die Erarbeitung des "Österreichischen Wörterbuches". Wenn möglich, sollte das Wort "Deutsch" vermieden werden. Natürlich haben aber die Lehrer weiter die Regeln der deutschen und nicht einer fiktiven "Unterrichtssprache" vermittelt. Nach wenigen Jahren hat das Unterrichtsministerium die Absurdität und Lächerlichkeit dieser Sprachregelung eingesehen und das Fach wieder Deutsch genannt. Meinem Volksschulzeugnis entnehme ich, daß es bis 1963 als Übergang noch die Bezeichnung "Deutsche Unterrichtssprache" gab.

Sie können zu recht einwenden, daß dieser Versuch Österreichs, sich sogar durch die Bezeichnung der eigenen Sprache von Deutschland abzusetzen, lange zurück liegt und aus heutiger Sicht lächerlich erscheint. Schon damals haben sich nicht wenige über diese Maßnahme lustig gemacht und die vermeintlich eigene Landessprache "Hurdistanisch" genannt, da der verantwortliche Unterrichtsminister Felix Hurdes hieß. Auch wenn heute in Österreich wieder Deutsch unterrichtet wird, ein klares und eindeutiges Bekenntnis zur starken Beteiligung von Österreichern an den Verbrechen des Nationalsozialismus fehlt noch immer. Jeder einzelne kleine Schritt wird nicht nur lange überlegt, er erfolgt auch meist nur zaghaft und ist nicht selten nicht nach vorne, sondern auf die Seite oder sogar nach rückwärts gerichtet. Dazu zwei Beispiele:

Es ist in den letzten Jahren Benehmensregel geworden, sich für Verbrechen zu entschuldigen. Zuletzt hat sich sogar der japanische Ministerpräsident bei den koreanischen Frauen entschuldigt, die während des Zweiten Weltkrieges mißbraucht worden sind. Da es also international üblich ist, muß sich wohl oder übel auch unser Bundespräsident bei seinem Besuch in den Niederlanden daran halten. Die Medien konnten also vor einem Jahr berichten, daß sich Bundespräsident Thomas Klestil in den Niederlanden für die Beteiligung von Österreichern an den NS-Verbrechen entschuldigt habe. Am selben Tag ließ er jedoch über die Austria-Presse-Agentur seinen Landsleuten mitteilen, daß er sich gar nicht entschuldigt hätte. Mit einem Hinweis auf die Unmöglichkeit, sich selber zu ent-schuldigen, hat er den Österreichern klar zu machen versucht, "es war nicht so gemeint". In den Niederlanden sollte die Entschuldigung jedoch weiter als solche verstanden werden. Jeder bekam das, was er erwartete. In Israel hat sich Klestil kürzlich ähnlich verhalten. Marta S. Halpert hat in der letzten Ausgabe zurecht vom "bitteren Nachgeschmack" dieses "Wiener Schmähs" geschrieben. Der aus Wien stammende israelische Historiker Walter Grab hat es einmal treffend "herausmogeln" genannt.

Dieser Kommentar versteht sich als Aufforderung, den Repräsentanten der Republik Österreich genau zuzuhören. Die beiden bevorstehenden Gedenkjahre "50 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges" und "1000 Jahre Österreich" werden eine Fülle verlockender Möglichkeiten bieten, sich doch aus der Mitverantwortung für die NS-Verbrechen herauszustehlen.

Das zweite Beispiel betrifft das in dieser Kolumne bereits einmal erwähnte Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau am Inn. Im Zuge der Vorbereitungen für die 1. Braunauer Zeitgeschichte-Tage entstand Anfang 1992 die Idee, in diesem Haus die Beteiligung von Österreichern am Nationalsozialismus zu dokumentieren. In bewußtem Gegensatz zur Intention des in den 60er Jahren in Wien errichteten Dokumentationsarchives des Österreichischen Widerstandes (DÖW) sollte gerade an dieser Stelle die andere Einschätzung der Jahre 1938 bis 1945 aufgezeigt werden. Der Bürgermeister von Braunau am Inn, Gerhard Skiba, hat Anfang August die Absicht, die geplante Ausstellung eindeutig auszurichten, gegenüber der Süddeutschen Zeitung bekräftigt. Zu dieser klaren Stellungnahme wird es jedoch im Geburtshaus Hitlers nicht kommen, denn der wissenschaftliche Leiter des DÖW ist dagegen. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung hat er festgestellt, daß dieses Konzept falsch ist und "alle Aspekte des Faschismus präsentiert werden müssen, nicht nur Selbstanklagen." Da der wissenschaftliche Leiter des DÖW vom Innenminister in die zuständige Kommission berufen wird und er dort ein, wenn nicht das maßgebende Wort zu sagen haben wird, ist das Ergebnis bereits vorgezeichnet.

Unterrichtsminister Felix Hurdes war bis zu seinem Tod 1974 Ehrenpräsident des Dokumentationsarchives des Österreichischen Widerstandes.

Dr. Andreas Maislinger, freier Publizist, Leiter des Projektes Gedenkdienst und der Braunauer Zeitgeschichte-Tage



Jüdische Rundschau, 2.3.1995
Leben!
von Andreas Maislinger

Am 27. Januar wurde am 50. Jahrestag der Befreiung im Museum Auschwitz-Birkenau der ermordeten Juden gedacht. Weitere Gedenk- veranstaltungen werden in diesem Jahr folgen. Trotz der Erinnerung an die Befreiung der Lager und der Rettung der wenigen Überlebenden steht der Tod im Mittelpunkt. Die Holocaust-Gedenk- stätten in Europa werden von den Toten bestimmt. Nicht so in Israel.

"In Dankbarkeit. Das jüdische Volk. Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt". So lautet der Text auf der Medaille zur Auszeichnung als "Gerechter unter den Völkern". Yad Vashem hat über 8000 Nichtjuden, die während des Nationalsozialismus ihr Leben für die Rettung von Juden riskierten, in dieser Form ausgezeichnet. Das ist einmalig. Mir ist außer Israel kein Staat bekannt, der eine der höchsten Auszeichnungen ausschließlich an Retter von Leben vergibt.

Yad Vashem ist die nationale Gedenkstätte in Israel zur Erinnerung an Verfolgung und Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten. Wörtlich heißt "Yad Vashem" "Denkmal und Name" und geht zurück auf einen Satz des Propheten Jesaja 56,5: "Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird." Neben den Denkmälern für die ermordeten Juden und die vernichteten Gemeinden sind es jedoch die seit Mai 1962 gepflanzten Bäume der Allee der Gerechten, die Yad Vashem prägen. Wieder ist mir kein anderer Staat bekannt, der Ausländer in dieser Form in der nationalen Gedenkstätte ehrt. Und Bäume leben. Für einen Mitteleuropäer wirkt es wie ein Wunder, daß aus der trockenen Erde dieses Leben gedeihen kann. Eindrucksvoller kann man den Toten und (Über-)Lebenden kein Denkmal setzen.

Einmal auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht, öffnen sich die Augen nicht nur für die Vergangenheit, sondern für die Gegenwart und Zukunft. Bester Ausdruck für das, was ich sagen will, ist folgendes Erlebnis: Vor einigen Jahren habe ich jüdische Jugendliche aus Israel und Europa auf ihrem "March of the Living" in Polen begleitet. Es war Ermutigend für mich, nach meinen vielen Aufenthalten im Museum Auschwitz-Birkenau und in der Gedenkstätte Majdanek diese Reise mitmachen zu dürfen. Dieses Leben wollten die Nationalsozialisten verhindern. Es sollte keine weiteren jüdischen Generationen in Europa geben. Natürlich ist mir bekannt, daß es auch Kritik an diesen "Lebensmärschen" gegeben hat, die Jugendlichen haben jedoch wahrscheinlich die ihrem Lebensgefühl angemessenste Form der Erinnerung an die Ermordeten gefunden.

Am stärksten ist mir die Aufstellung rund um das Denkmal in Majdanek in Erinnerung. Vor dem Hintergrund der Geschichte Österreichs und Deutschlands nicht unverständlich, stehe ich Fahnen und Uniformen eher distanziert gegenüber. Und besonders Aufmärsche in Gedenkstätten wecken Widerspruch in mir, wurden diese Orte doch nur zu oft mißbraucht.

Und tatsächlich haben Kritiker auch im "March of the Living" einen Mißbrauch gesehen. Für mich waren die Jugendlichen mit der israelischen Fahne und den blauen Hemden von Haschomer Hazair jedoch Ausdruck einer selbstbewußten jüdischen Nation. Hitler hat nicht gesiegt. Die Nationalsozialisten konnten ihr Ziel, die Juden auszurotten, nicht erreichen. Heute gibt es den Staat Israel, und es leben mehr Juden auf der Welt, als 1945. Diese Gedanken vermittelten mir am Ort des Todes ein starkes Gefühl für das Leben.



Jüdische Rundschau, 22.6.1995
Shoabusiness
von Andreas Maislinger

Vor fünf Jahren habe ich in Yad Vashem zum erstenmal diesen Begriff gehört. Ich erinnere mich noch genau an meine Gefühle und Gedanken, als der Leiter des englischsprachigen Holocaust-Seminars den Satz "There's no business like Shoabusiness" aussprach. Es ist mir entfallen, worauf sich seine Kritik bezog, ich und die anderen Seminarteilnehmer, mit denen ich anschließend darüber sprach, spürten jedoch, daß er mit seinem Vergleich den Nagel auf den Kopf traf. Seitdem habe ich das Wort "Shoabusiness" immer wieder gehört. Ohne daß dieser Begriff jemals genau definiert worden wäre, weiß offensichtlich jeder ganz genau, was damit gemeint ist.

Soweit es feststellbar ist, wurde der Begriff in den 80er Jahren von jüdischen Intellektuellen in New York geprägt. Obwohl "Shoabusiness" inzwischen nicht nur in den USA und in Israel geläufig ist, wird er auch im deutschsprachigen Raum fast ausschließlich von jüdischen Intellektuellen verwendet. In den USA war es vor allem der Vorwurf des oberflächlichen Entertainments (etwa im Simon-Wiesenthal-Centre in Los Angeles) und der Trivialisierung des Holocaust durch die gleichnamige Fernsehserie. In Deutschland bezieht sich meiner Erfahrung nach der Shoabusiness-Vorwurf vor allem auf ein unvermitteltes Aufspringen auf die zunehmende Beschäftigung mit dem Holocaust seit Mitte der 80er Jahre. Wenn ein Historiker, der sich bis dahin vor allem mit der Deutschen Frage beschäftigt hat, plötzlich Israel und den Holocaust entdeckt, muß er sich die bissige Bemerkung, Shoabusiness zu betreiben, gefallen lassen. Ähnlich ergeht es dem jungen Leiter eines Holocaust-Zentrums in Deutschland, der vor der Übernahme dieser Funktion nicht als qualifizierter Historiker hervorgetreten ist.

Die Beschäftigung mit dem Holocaust und die Aufklärung über die Verbrechen der Nationalsozialisten ist mit einem moralischen Anspruch verbunden. Wegen des noch immer vorhandenen (oder sogar zunehmenden) Widerstandes gegen die schonungslose Aufklärung über den Mord an den europäischen Juden ist es natürlich naheliegend, mit Kritik zurückhaltend zu sein. Die Kritik könnte nur zu leicht mißverstanden werden. Die Angst vor einer möglichen Vereinnahmung durch Antisemiten und Leugner des Holocaust führt immer wieder dazu, daß eine notwendige Kritik an mißlungenen oder zweifelhaften Projekten nur sehr zurückhaltend oder überhaupt nicht geäußert wird. "Das ist doch Shoabusiness", von einer Autorität ausgesprochen, wirkt dann immer wieder befreiend. In einem anderen Zusammenhang hat ein österreichischer Schriftsteller von "erpreßter Solidarität" gesprochen. Bei einem guten (oder gut gemeinten) Anliegen müssen einfach alle guten Menschen mitmachen. Hat das Vorhaben erst einmal die höheren Weihen der "Gutmenschen", kann nicht mehr viel passieren. Da die mindere Qualität und/oder die zweifelhafte Motivation des Künstlers oder Wissenschafters aber trotzdem wie in jedem anderen Bereich erkannt wird, fügt die erzwungene Zustimmung der guten Absicht Schaden zu und bewirkt genau das, was durch die Unterdrückung von Kritik vermieden werden sollte.

Diese Kritiklosigkeit nützt dem Gegner.



Jüdische Rundschau, 18.1.1996
Mahnmale
von Andreas Maislinger

Die Bundeszentrale für politische Bildung dokumentiert auf über 800 Seiten die Gedenkstätten und Mahnmale für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik Deutschland. Fast 400 klein gedruckte Seiten umfaßt das im Carl Hanser Verlag erschienene Buch "Politik der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit" des Hamburger Politikwissenschafters Peter Reichel. Wer die Analyse über den Streit um die (tatsachengetreue) Erinnerung an die NS-Verbrechen liest und in der erwähnten Dokumentation blättert, dem fällt auf, daß trotz der erstaunlich großen Zahl an Mahnmalen die Versuche, das Erinnern an die Zeit von 1933 bis 1945 anzuregen, beschränkt bleiben.

Die Gegend um Berchtesgaden ist wegen ihrer landschaftlichen Schönheit ein beliebtes Ausflugsziel. Außerdem üben das Adolf Hitler zum 50. Geburtstag geschenkte Teehaus auf dem Kehlstein und die anderen erhalten gebliebenen Bauwerke aus der NS-Zeit eine große Anziehungskraft aus. Weit über 300.000 Touristen kommen jedes Jahr, darunter viele Amerikaner und Japaner. In den beiden erwähnten Büchern wird der Obersalzberg nicht erwähnt. Es gibt bis heute nicht einmal eine Tafel, die an die Verbrechen erinnern würde, die Hitler mit seinen Mitarbeitern in dieser kitschig-schönen Landschaftskulisse geplant hat. Stattdessen werden noch immer verklärende Hochglanzbroschüren "mit sensationellen Farb- und Schwarzweißaufnahmen aus der Hitlerzeit" verkauft. Gerade an diesem Ort findet die ansonsten in Deutschland (fast) immer und überall präsente Aufklärung über die Zeit des Nationalsozialismus (noch immer) nicht statt. Eine Gruppe von engagierten Bürgern versucht dies, offensichtlich bis jetzt ohne großen Erfolg, zu ändern.

Immer mehr, besonders Jugendliche, beziehen ihre Informationen aus dem Computer. Sie "surfen" im Internet. Die Stichworte "Computer" und "Internet" fehlen jedoch im sorgfältig erstellten Sachregister. Genau hier setzt mein für das österreichische Innenministerium erstellte Konzept für die Verwendung des Geburtshauses von Adolf Hitler in Braunau am Inn an. An dieser Stelle habe ich schon mehrmals über den Umgang der oberösterreichischen Kleinstadt mit ihrem "unerwünschten Erbe" berichtet. 1989 hat Bürgermeister Gerhard Skiba vor dem "Hitler-Haus" einen Gedenkstein aufstellen lassen, und 1992 wurden zum erstenmal die seitdem regelmäßig Ende September stattfindenden "Braunauer Zeitgeschichte-Tage" durchgeführt. Neben der mit dem Gedenkstein und den Tagungen verbundenen Aufklärung sollten auch Orte inhaltlich besetzt und damit Alt- und Neonazis unzugänglich gemacht werden. Und tatsächlich scheint der Gedenkstein das "Hitler-Haus" für die "Ewiggestrigen" entweiht zu haben. Als Versammlungsort haben Rechtsextremisten den für sie mit höchster Symbolkraft ausgestatteten Ort Braunau am Inn nicht mehr ausgewählt. Die "Besetzung" durch die Braunauer Zeitgeschichte-Tage könnte dazu beigetragen haben.

Zufällig wurde 1977 die in jeder Hinsicht richtige Verwendung für das "Hitler-Haus" gefunden. Als die Lebenshilfe ein Haus für die Betreuung von geistig Behinderten suchte, hat keiner daran gedacht, daß er damit das stärkste denkbare Gegenbeispiel zu einer drohenden NS-Pilgerstätte liefern würde. Menschen, denen vom Führer des Dritten Reiches das Recht auf Leben abgesprochen worden ist, leben seitdem in seinem Geburtshaus und fühlen sich dort wohl, wie mir der Leiter der Lebenshilfe, Heinrich Huemer, versicherte, denn das Haus wirkt zwar von außen etwas heruntergekommen, ist jedoch innen völlig in Ordnung, und vor allem liegt es mitten in der Stadt. Die Behinderten werden daher nicht verdrängt. Nur die besonders im Sommer zahlreich auftauchenden Touristen, Journalisten und Wissenschafter, die das Haus sehen und mehr über die historischen Hintergründe wissen wollen, sind für Huemer ein schwer zu bewältigendes Problem. Ein Beispiel: Er kann ihnen nicht einmal sagen, in welchem Zimmer Hitler geboren wurde, es ist nämlich nicht bekannt.

Genau dabei will ihm der GEDENKDIENST helfen. Neben seinen vier vom Innenministerium zur Betreuung der Behinderten zur Verfügung gestellten Zivildienstleistenden sollte ein fünfter die Betreuung der Besucher übernehmen. Da die Behinderten nicht zum Ausstellungsobjekt werden dürfen, sollte diese Besucher-Betreuung nur in Ausnahmefällen im "Hitler-Haus" selbst stattfinden. Aus der erwähnten "Not", daß wir nicht einmal wissen, in welchem Zimmer er geboren wurde und wie der "kleine Adolf" in diesem Haus gelebt hat, können wir die Tugend machen, dem Haus die Faszination zu nehmen, die es ansonsten ausüben könnte. Aus diesem Grund wird auch kein Museum eingerichtet werden.

Ähnlichen Ideen liegt meine Überlegung zugrunde, diese Informationen im Internet anzubieten. Wer im Internet das Stichwort "Braunau" sucht oder zufällig beim "Surfen" darauf stößt, sollte unsere Inhalte und nicht diejenigen der Rechtsextremisten geliefert bekommen. Da in Braunau am Computer ein Gedenkdienstleistender sitzen wird, muß es der Internet-Benützer nicht nur beim Lesen der Information bewenden lassen. Er kann auf Wunsch mit dem jungen Österreicher kommunizieren.



Jüdische Rundschau, 11.4.1996
Jeremias
von Andreas Maislinger

Der Prophet Jeremia hat vor 2600 Jahren während der unruhigen Zeit des Niedergangs des Königreiches Juda gelebt. Jeremia zog sich den Zorn der eigenen Priesterschaft zu, als er verkündete, die Kraft zum Überleben liege allein im Lebenswandel des Volkes. Das strenge Befolgen religiöser Riten sei nicht ausreichend. Trotz schrecklicher Verfolgungen verloren weder Jeremia noch alle anderen Propheten je den Glauben an die Kräfte der Erneuerung, die im Volk schlummern. Er prophezeite, daß nach siebzig Jahren ein geläutertes Juda seine Unabhängigkeit und seinen früheren Glanz wiedererlangen würde. Seine Zeitgenossen nannten ihn für seine Aussagen einen Verräter und warfen ihn in einen Brunnen. Sie sorgten sich mehr um die Gegenwart als um die Zukunft.

In diesen Monaten könnte ich mir kaum eine lehrreichere Lektüre vorstellen als das Buch Jeremia. Ich bin jedoch kein Jude und als (der Kirche entfremdeter) Katholik theologisch zu wenig gebildet, um mich weiter über diesen großen Propheten zu äußern. An dieser Stelle interessiert mich daher nicht der Inhalt seiner Mahnungen und Voraussagen, sondern der Zeitraum von sieben Jahrzehnten, für den er sein Volk in die Verantwortung nahm. Ein für unsere Politiker unvorstellbarer Zeitraum, geht es ihnen doch darum, die nächsten Wahlen zu gewinnen. Der eine oder andere Politiker denkt noch an mögliche weitere Karriereschritte. Diese Überlegungen reichen aber nur äußerst selten über die nächsten zehn Jahre hinaus. Obwohl wir heute keine Propheten mehr benötigen, um Voraussagen über den wahrscheinlichen Zustand unseres Landes und unserer Erde im Jahr 2020 oder 2070 zu machen, scheint dies unseren Regierungen gleichgültig zu sein. 2020 werden sie nicht mehr bei Wahlen antreten und 2070 werden sie nicht mehr leben. Sie handeln, als ob mit ihrem Abtreten alles zu Ende wäre. Deshalb kümmern sich die wenigsten um ihre Nachfolger. Diese erinnern sie an die zeitliche Begrenzung des von ihnen eingenommenen politischen Amtes.

An nichts anderes erinnern auch Kinder und Enkel. Diese werden an unsere Stelle treten und zeigen damit ständig, daß unsere Zeit abläuft. Vielleicht sind es daher nicht nur die vielen Termine, die einen Politiker davon abhalten, mit seinen Kindern oder Enkeln zu sprechen? Nur der ständige Kontakt mit den nächsten heranwachsenden Generationen kann uns jedoch lehren, nicht nur in Jahren, sondern in Jahrzehnten zu denken. Yitzak Rabin hat ein sehr gutes Verhältnis zu seiner Enkelin Noa Ben Atzi gehabt, und Yassir Arafat scheint sehr an seiner kleinen Tochter Sahala zu hängen. Es würde mich nicht wundern, wenn dies einen Einfluß auf den Friedensprozeß ausgeübt hätte.

Hermann Göring hat seine 1938 geborene Tochter Edda abgöttisch geliebt. Trotzdem blieb er einer der ganz großen Verbrecher unseres Jahrhunderts. Mit diesem Beispiel will ich zeigen, daß die liebevolle Zuwendung zu den eigenen Kindern natürlich keine Garantie für die Besserung unserer Politiker darstellt. Es gehört auch mehr dazu, als sich öffentlichkeitswirksam mit den Kindern fotografieren zu lassen. Auch Adolf Hitler hat sich gerne mit Kindern gezeigt. Er hat sie jedoch immer von oben herab getätschelt. Wenn er sich zu ihnen hinuntergebeugt hat, dann nicht, um mit ihnen zu reden, sondern um sich ein Lobsprüchlein ins Ohr sagen zu lassen. Daß Kinder von Anfang an eigenständige Persönlichkeiten sind, daran hat er nicht gedacht - und daran denken auch heute viele noch nicht.

In der Straßenbahn oder auf dem Spielplatz unterscheidet sich der Ton, den Eltern ihren Kindern gegenüber anklingen lassen, oft nicht von dem der Zeit vor 1945. Wenn das Verhalten nicht ganz bewußt geändert wird, geben Eltern immer wieder unbewußt negative Verhaltensweisen an ihre Kinder weiter. Wer diesen Teufelskreis durchbrechen will, muß sich anstrengen. Ich spreche hier aus Erfahrung. Denn mein kleiner Sohn ist zweieinhalb Jahre alt, und immer wenn ich ihn ansehe, geht mir durch den Kopf, daß Kinder eigenständige Persönlichkeiten sind - was nicht immer ohne Anstrengung ist -, und daß wir für die Welt verantwortlich sind, in der die Kinder leben und als Erwachsene leben werden. Nie hätte ich gedacht, daß ich von einem Kind soviel lernen kann.

Übrigens: Mein Sohn heißt Jeremias.



Jüdische Rundschau, Nicht eingeordnet
Gedenkdienst
von Andreas Maislinger

Wenn die Medien den Gedenkdienst bekanntmachen, "zweifle ich nicht daran, daß sich eine grosse Zahl junger Österreicher findet, die sich zu diesem öffentlichen Gedenken an die nationalsozialistischen Verbrechen verpflichten wollen". Das habe ich an dieser Stelle in meinem ersten Kommentar am 13. Februar 1992 erklärt. Tatsächlich meldeten sich auf Grund der am 24. Februar erschienenen kleinen Notiz im österreichischen Nachrichtenmagazin "profil" innerhalb einiger Tage über hundert Interessenten. Ende Juni trafen sich vierzig dieser Interessenten im Bildungshaus St. Virgil in Salzburg. Bereits zwei Monate später, am 1. September 1992, begann der Tiroler Lehrer Georg Mayer seinen Gedenkdienst im Museum Auschwitz-Birkenau. Damit konnte nach mehr als zehnjähriger Ablehnung die Forderung, junge Österreicher ihre Zivildienstpflicht in ausländischen Holocaust-Gedenkstätten ableisten zu lassen, doch noch durchgesetzt werden. Die Unterstützung von Innenminister Franz Löschnak machte am 19. Dezember 1991 die dafür notwendige Novellierung des Zivildienstgesetzes möglich. Neben Georg Mayer gingen einen Monat später der Oberösterreicher Stephan Schirl zur Anne Frank-Stiftung nach Amsterdam und der niederösterreichische Architekturstudent Bernhard Schneider in die Gedenkstätte Theresienstadt. Im März 1993 folgte der Wiener Historiker Reinhard Steiner, zwei Monate danach der Salzburger Jurist David Röthler nach YAD VASHEM. Im September begann die erste Frau Gedenkdienst zu leisten. Brigitte Huemer aus Salzburg arbeitet ebenfalls in Jerusalem. Schließlich ist Anton Legerer seit dem 16. Oktober im United States Holocaust Memorial Museum in Washington tätig. Alle Gedenkdienstleistenden erhalten an ihren Einsatzorten sehr viel Lob, und die Medien, vor allem die ausländische Presse, berichteten und berichten weiterhin nicht nur voll Zustimmung über die Arbeit der jungen Österreicher, sondern verbinden mit dieser Berichterstattung auch Anerkennung für die Republik Österreich. Inzwischen ist die erste Generation der Gedenkdienstleistenden abgelöst. Als deren Nachfolger gingen Daniel Werner nach Polen, Tim Cupal in die Niederlande und Siegfried Hybner nach Tschechien. Im Durchschnitt melden sich jeden Tag ein oder zwei Interessenten, es ist uns daher möglich, hohe Maßstäbe anzusetzen und auf Wünsche der Gedenkstätten einzugehen. Am kommenden Wochenende findet zum vierten Mal das Auswahl-Seminar statt, für das sich etwa 40 Personen angemeldet haben. Da das Engagement und die Qualifikation der Interessenten eher noch zunimmt, können wir noch genauer auswählen, wer wo seinen Dienst leistet. Die Gedenkstätte Theresienstadt wollte wieder einen Architekten, und wir konnten diesem Wunsch entsprechen. Genauso ist es uns möglich, nach Israel Simon Wachsmuth zu senden, der perfekt Hebräisch spricht. Auch den Wunsch der Anne Frank-Stiftung nach einem Gedenkdienstleistenden mit Ungarisch-Kenntnissen werden wir erfüllen können. Das Projekt Gedenkdienst entwickelt sich doch bestens! Sie fragen sich daher zurecht, weshalb Sie dann darüber einen Kommentar und keine Reportage lesen. Die Sache hat jedoch leider noch eine andere Seite, weshalb wir das Projekt Gedenkdienst in dieser Form beenden müssen. Aber zuvor noch einige weitere Fakten: Am 30. März 1993 sicherten der Innenminister und sein Sekretär Peter Heindl in einem persönlichen Gespräch die Finanzierung von bis zu zehn Gedenkdienstleistenden pro Jahr zu. Diese grosszügige Regelung hätte es uns ermöglicht, auf die Anfragen nach Mitarbeitern aus Österreich einzugehen, die vom Direktor der Fondation Auschwitz in Brüssel, Herrn Yannis Thanassekos, und vom Präsidenten der jüdischen Vereinigungen der Ukraine, Herrn Ilja Michailowitsch Levitas, an uns gerichtet wurden. Nach den Vorstellungen von Herrn Levitas sollte jeweils ein Österreicher in Lemberg und Odessa bei der Aufarbeitung von Akten aus dem Zweiten Weltkrieg helfen. Wie es derzeit aussieht wird es jedoch zu dieser Arbeit in der Ukraine nicht mehr kommen. Den Finanzierungs-Zusagen steht die Realität gegenüber, daß die sechs derzeitigen Zivildienstpflichtigen tatsächlich von Andreas Hörtnagl, den Eltern und von mir bezahlt werden. Zudem erfordern Betreuung und Sicherung des Projektes Gedenkdienst einen großen Teil meiner privaten und beruflichen Zeit, wobei letzteres zunehmend zum Problem wird. Ich führe diese Tätigkeit unentgeltlich aus, was zu Lasten des Berufs und meiner Familie geht.

Ich habe lange gezögert, bis ich mich entschließen konnte, über diese Tatsache zu berichten und Kritik daran zu äußern. Noch dazu im Ausland und in einer jüdischen Zeitung. Für viele meiner Landsleute gilt dies als besonders verwerflich. Ich handle aus einer Zwangslage: Ohne Druck von außen bewegt sich nichts in Wien. Bis heute blieb die notwendige und zugesagte Unterstützung aus. Es geht dabei nicht nur um Geld. Leider berichten mir zwei Mitarbeiter des Projektes Gedenkdienst, daß sie nicht nur von den jeweiligen österreichischen Botschaften keine nennenswerte Unterstützung erhalten, sondern - aus Unkenntnis oder nicht nachvollziehbaren Gründen - auch gegen den Gedenkdienst gearbeitet wird. Zuletzt mußte ich erfahren, daß der Bürgermeister von Wien zwar das Stalingrad-Denkmal unterstützt, für das Projekt Gedenkdienst aber nur einen kurz angebundenen Ablehnungsbrief durch einen seiner Mitarbeiter übrig hatte, der mehr als ein Jahr nach der schriftlichen Bitte um Unterstützung einlangte.

Ich schreibe ungern negativ über mein Land, und ich fühle mich nicht wohl dabei. Meine Erfahrungen der letzten zwei Jahre zwingen mich jedoch, den optimistischen Ton des erwähnten ersten Kommentars zu korrigieren. Es bleibt mir aufgrund der erwähnten Vorgeschichte nichts anderes übrig, als anzunehmen, daß es die Repräsentanten betreffend die Verantwortung für die Zeit von 1938 bis 1945 nicht wirklich ernst meinen. Es ist in den letzten Jahren Benehmensregel geworden, sich für Verbrechen zu entschuldigen. Auch der Bundeskanzler hat dies gemacht. Der Bundespräsident hat allerdings seine Entschuldigung in den Niederlanden am selben Tag in einer Aussendung der Austria- Presse-Agentur wieder zurückgenommen. Mit einem Hinweis auf die Unmöglichkeit, sich selber zu ent-schuldigen, hat er seinen Landsleuten klar zu machen versucht, "es war nicht so gemeint". In den Niederlanden sollte die Entschuldigung weiter als solche verstanden werden. Jeder bekam das, was er erwartete. Ähnlich ist es im Umgang mit dem Gedenkdienst, nur daß es noch versteckter läuft. Es sagt nämlich kein einziger Politiker, daß er dagegen ist. "Nicht einmal ignorieren" nennt man diese Haltung in Wien. Der Bundespräsident hat einfach auf die seit seiner Kandidatur erhaltenen Briefe nicht geantwortet.

Unter diesen Umständen sind wir nicht bereit, das Projekt Gedenkdienst weiter im Ausland als offizielle Einrichtung der Republik Österreich etikettieren zu lassen. Wir sind gespannt, ob auf diesen Kommentar nur beleidigt-ablehnend reagiert wird oder ob er doch zum Anlaß genommen wird, die Einstellung grundsätzlich zu ändern. Beides ist anstrengend. Am besten daher: Ignorieren?